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Forum / Poesie und Lyrik

-kein Titel-

JohnPower
Profi (offline)

Dabei seit 09.2010
575 Beiträge
Geschrieben am: 20.11.2016 um 22:18 Uhr

Es ist einer dieser Novembertage, vor denen ich mich immer gewarnt habe. Regen pocht auf das Dach wie ein Pianist in pinao und dicke Nebelschwaden verhüllen die Stadt, brauner Schlamm läuft träge von der Baustelle auf die Straße. Manche halten ihren Regenschrim wie ein Schutzschild zwischen sich und die vorbeibrausenden Autos, wenn sie an der Baustelle vorbeigehen.
So vergehen Tage, Wochen, Jahre, ohne einen Sonnenstrahl der durch die Wände bricht, im immerbraunen Schlamm, versunken in einer Zeit im November.
Unfähig zu reden.
Ich sehe Menschen, die einander kennen und nicht grüßen, nicht grüßen können und nicht wollen. Viele klappen sich die Mäntelkragen hoch um sich vor der Kälte und der Nässe zu schützen, aber sie kriechen unter die Kleidung, bis auf die kahle Haut. Und so suchen inmitten all der Kälte Menschen, die einander kennen und nicht grüßen, den Weg, nach Hause, ins Büro, die Schule, die Uni oder einfach zum nächsten Kleiderladen, um wieder einen Mantel zu suchen, der sie vor der Kälte und der Nässe schützt.
Und gehen zur Kasse und zahlen, wortlos kramen sie die Scheine aus dem Geldbeutel, sehen ihre Karten und Scheine und Zettel und Kärtchen, während ihnen das Geld durch die noch immer kalten Finger gleitet, sehen einen kurzen Augenblick den Scheinen und Münzchen nach, die in der Kasse verschwinden, bevor sie wieder in die stille Menge vor der Tür tauchen, verschwinden, in Bussen und Autos.
Unfähig zu schreiben.
Ich sehe Menschen, die einander kennen und nur schreiben, nicht grüßen können und nicht wollen. Tief versunken über ihre Blätter, Smartphones, Zettel, Memos. Stifte kratzen unermüdlich über das Papier, hinterlassen Lasten, Namen, Narben. Sie schreiben Berichte, Berichte über ihr Leben und ihre Probleme, in Dokumenten und Dateien, in Bits und Bibliographien.
Und gehen zum Druck- und Faxgerät, kopieren ihre Berichte und vervielfältigen sie, verewigen sie für sich, den Chef und die Nachwelt. Ordnen die Berichte, in aller Form, in Ordner und sichern ihre Berichte in Archiven, die stetig wachsen unter der Obhut von klugen KIs und Verwaltern, die einzig und allein Archive wachsen lassen, ihnen Ordnung geben, sie hegen und pflegen.
Ich verlasse das Gebäude, schlage meinen Kragen hoch, um mich vor der Kälte und der Nässe zu schützen. Schon beim Ausblick durch das Fenster in der Mittagspause überkam mich ein Frösteln, nun ist es wieder einmal Realität. Der Blutfluss in den Füßen und Fingern verringert sich, Nase und Ohren werden kalt und nass. Ich steige in den Bus, heute sage ich endlich "Stadtgebiet", aber schweige und lege die Münzen hin. Die Fahrerin nickt, drückt ein paar Knöpfe. Ich nehme mein Ticket und nach kurzer Fahrt steige ich wieder aus, gehe in die Bar in meiner Straße. Die blonde Bedienung, vielleicht ein Student, kennt mich und meine Zeiten, er hat schon alles griffbereit. Er legt mir einen Bierdeckel hin, wie immer, und einen Stift. Ich mache einen großen Strich auf den Bierdeckel.
Es ist schon spät, ich kenne meine Rechnung und lasse das Geld auf dem Tresen liegen. Heute habe ich ein bisschen mehr gegeben, damit der Blonde sich vielleicht einen besseren Mantel kaufen kann. Wer weiß.
Auf der Brücke halte ich an und schaue in das brausende Wasser. Wieder habe ich einen Tag verbracht, in der Kälte und Nässe des Novembertages. Brauner Schlamm klebt an meiner Sohle, ich stelle meinen Kragen hoch.
Vielleicht, eines Tages, sind wir wieder eins. Sie und ich und die Sprache, die alle Dinge sagt.


(c) JohnPower

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Altai-Kai.

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