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Forum / Poesie und Lyrik

Tagebücher, Kurzgeschichten

I3I_4CKNINJ4 - 35
Experte (offline)

Dabei seit 06.2005
1618 Beiträge

Geschrieben am: 22.09.2009 um 00:08 Uhr

Eine Stunde und zwanzig Minuten

Natürlich war es unangenehm aus einem Traum geweckt zu werden, in dem man gerade all seine Ziele erreicht hatte. „Mare, es ist viertel nach sieben“, sagte mir die Mutter meines besten Freundes. Kerzengerade zuckte ich hoch aus dem Bett und bedeutete mit einem Nicken und einem genuschelten „Okay“, dass ich es wahrgenommen habe. Ein paar Sekunden später registriere ich dann auch das Bild um mich herum. Der zusammengepferchte, aber doch eigentlich große Raum, erstrahlt in diesem halbdunkel gar nicht in seinem hellen weiß. Die Rollladen beider Fenster sind hinab gelassen und nur durch das Glas der Balkontür dringt etwas Licht hinein.
Für einen kurzen Moment vergesse ich meine Zielsetzung und gebe mich noch einmal der wohligen Dunkelheit hin. Mit geschlossenen Augen bereite ich mich langsam mental auf die heutige Leistung vor. Natürlich bin ich noch völlig von meinem Gelingen überzeugt, jeder kleine Zweifel wird abgetan und in die hinterste Ecke meiner Gedanken geschoben.
Es sind nur dreizehn Minuten, die ich mich verbessern muss. Das sollte kein Problem sein.
Mit diesen Gedanken reibe ich die Müdigkeit aus meinen Augen und begebe mich erst einmal auf die Toilette. Auch eine kurze Dusche folgt, um mit dem kalten Wasser für eine anständige Blutzirkulation zu sorgen.
Dann begebe ich mich nach oben in das Esszimmer der Familie. Fröhlich begrüße ich die Eltern von Leo, Vera und Wolfgang, und nehme mir das Schoko-Müsli aus der Küche und setze mich an den Tisch. Ein Blick auf die Uhr zeigt mir:
Noch neunzig Minuten bis zum Start.
Beim befüllen meiner Essschale befallen mich erste Zweifel. Da man vor solch einem Ereignis nicht allzu viel Essen sollte, und wenn, dann das Verzehren auf bis zu zwei Stunden davor verlegen sollte, reduziere ich nach dem übereifrigen Füllen der Schüssel meinen Bedarf auf ungefähr zwei Drittel.
Nach dem Essen beschert mir mein Darm erst einmal einen prächtigen Durchfall.
Na Bravo. Die Leistung des menschlichen Körpers ist bei Diarheia für gewöhnlich um mindestens zwanzig Prozent reduziert.
Nach kurzem Überlegen bezwinge ich meine Zweifel und begebe mich zu meinem Rucksack in Leos Zimmer. Ich bemerke den muffigen Geruch aufgrund der die ganze Nacht über geschlossenen Fenster kaum und packe meine Laufschuhe und schmücke meine Füße damit.
„Mare, viel Glück“, höre ich ein müdes Gemurmel aus der Richtung von Leos Bett, das sich hinter einem langen Bücherregal befindet.
Ich bedanke mich und wünsche ihm dann noch einen schönen Tag, wobei beides nur beiläufig geschieht – meine Gedanken sind ganz auf den Lauf konzentriert.
Die Startunterlagen und der Beutel werden mitgenommen, auch die Nummer hefte ich mir auf das hübsche blaue Shirt. Dann begebe ich mich zum Gang und treffe bereits auf Vera und Wolfgang, die auch gerade auf dem Weg zum Auto sind.
Nun geht es also los.
In dem kleinen Golf nehme ich die Worte der beiden kaum wahr, ich ziehe mir nur meinen Pulli über und fange an meinen Willen auf mein Ziel zu fokussieren.
Eine Stunde und zwanzig Minuten. Das bedeutet 3:48 für den Kilometer. Es ist egal, wie langsam du im Training warst, du musst einfach nur Laufen, und zwar schneller, als du kannst. So lange, bis du Blut spuckend mit Schmerz verzerrtem Gesicht auf der Strecke entlang humpelst und nicht einmal mehr daran denken kannst, es noch schneller zu versuchen. Ich habe nicht vier Wochen wie ein wilder trainiert, um jetzt zu versagen. Die Möglichkeit aller Dinge hängt nur von deinem Wollen ab. Also, lass los von deinen Zweifeln und vertraue auf deine Stärke. Wenn du nicht bewusstlos auf der Ziellinie liegen bleibst, dann hast du versagt. Mit solch einem inneren Dialog habe ich schon öfters versucht, mir Mut zu machen.
Nach der Fahrt, nach dem Abgeben des Beutels und nach dem kurzen, fast schon obligatorischen Warm laufen befinde ich mich in Ulm an den Donauhallen, an der Warteschlange zum Betreten des Startblocks A und das erste Mal nimmt sich ein Zweifel meiner an, der sich nicht so schnell abschütteln lässt. Jeder der vor mir eintretenden hat einen extra Zettel als Erlaubnis für den A-Block bei sich, und ich nicht. Wie soll ich dem Kontrolleur denn beweisen, dass ich fähig bin, besser als 1:30 h zu laufen? Dennoch erweist es sich als ein leichtes mit der Behauptung „ich laufe es in einer Stunde fünfundzwanzig oder zwanzig“ in den vordersten Startblock zu kommen.
Doch genau hier erlaube ich mir einen dummen Fehler: ich habe meine Zweifel bereits selbst ausgesprochen, dadurch, dass ich nicht überzeugt meine Zielzeit für den Halbmarathon gesagt habe, sondern nur einen Zeitraum von fünf Minuten angegeben habe. Ich habe innerlich also bereits akzeptiert, dass es schief gehen könnte.
Beim Start des Coundowns bleibe ich noch ruhig und lasse mich nicht von der allgemeinen Aufregung mitreißen. Ein bisschen Wippen gönne ich meinen Sprunggelenken allerdings, im Gegensatz zu dem fröhlichen Hüpfen manch anderer Mitläufer.
Bei „sieben“ oder „sechs“ fange ich aber an mitzuschreien, und bin verwirrt über meinen Rückhalt oder die Schwäche in meiner Stimme.
Der Startschuss erklingt, und ein paar Sekunden später aktiviert sich der Transponder an meinem Fuß, als ich den großen Bogen durchquere.
„Langsam starten“, versuche ich mich zu bezwingen, doch ich finde allzu viel Spaß daran die konsequenten und wirklich langsam Startenden zu überholen.
Immer mehr lasse ich hinter mir, allerdings sind es bei Kilometer eins immer noch mindestens fünfzig, wie ich schätze, die vor mir laufen.
Mein Atem läuft noch halbwegs ruhig und ich versuche weiter zu beschleunigen – denn mit einszwanzig dürften es nur zwanzig Leute sein, die vor mir sind. Mein Blick bleibt immer wieder auf dem vor mir Laufenden hängen, einer mit einem Fila-Netz-Funktionsshirt, den ich für genügend schnell erachte, um mich mit ihm zu messen, oder versuchen an ihm dran zu bleiben. Gleichzeitig läuft auch ein langhaariger neben mir mit einem witzigen weißen Lendenschurz, der ebenso schnell zu sein scheint.
Ein paar Minuten geht es mit diesem Spiel weiter, ich überhole den Schurzträger, laufe bis an den Netzshirtläufer heran, nur um dann wieder etwas zurückzufallen.
Kilometer zwei ist vorbei, und noch zeigen sich keine deutlichen Schwächen. Mein Atem läuft zwar überaus schwer, aber das war zu erwarten, bei einer Geschwindigkeit, die ich nicht einmal bei meinem acht Kilometer langen Tempolauf fähig war zu halten.
Langsam komme ich dem dritten Kilometerschild näher. Erstaunlicherweise bin ich noch an den zwei von mir fixierten Läufern dran, doch allmählich merke ich wie mein Körper immer deutlicher „Nein“ zu schreien scheint. Erst hatte es mit einer leisen Stimme begonnen. Jetzt aber muss ich akzeptieren, dass ich die Geschwindigkeit reduzieren muss, da ich langsam nicht mehr Herr über diese Stimme bin.
Es kostet unbarmherzigen Kraftaufwand.
Das ist doch genau das, was ich wollte, also sei nicht und so kämpf!
Vielleicht sind es die Blätter, die langsam auf dem Teer an mir vorbeiziehen, oder die Läufer, die es mittlerweile wieder in entgegengesetzter Richtung tun, ich weiß es nicht, jedenfalls erinnere ich mich schon langsam melancholisch an die Worte von Markus, dem guten Kletterer mit krausem Haar, die er mir noch am Dienstag zu versicherte: „Ich glaube schon, dass du kämpfen kannst.“
Irgendwann zu diesem Zeitpunkt habe ich traurig akzeptieren müssen, dass meine Vorstellung von Unendlichkeit oder einer absoluten Willenskraft vielleicht doch manchmal nur Träume gewesen waren. Ich war nicht Herr meines Körpers. Doch immer wieder versuchte ich einige Befehle als autoritärer Herrscher auszusenden, ein Wille, der Geschehen sollte, und kurz konnte ich wieder beschleunigen.
Mittlerweile pendele ich wahrscheinlich nur noch zwischen vierzehn und zwölf Kilometer pro Stunde, als ich das vierte Kilometerschild passiere.
Der Antrieb musste wohl von außen kommen. Martin, der wahrlich besonnene Kerl mit seinem charakteristischen Hut, hatte sich an dem Thalfinger Kreisel als Zuschauer dazu gestellt. Von weitem erblickte ich das Gesicht und konnte diese Nettigkeit nicht ungepriesen lassen; ich beschleunigte, überholte diejenigen, die gerade frohen Gemütes höchstwahrscheinlich an mir vorbeigezogen waren, und klatschte die Hand meines Freundes ab.
Die Kerle jedoch, die anderen Läufer werden mich nur belächelt haben, denn nur hundert Meter später befinde ich mich wieder in meiner langsamen Dümpelei. Ich muss feststellen, dass sie nun nur noch schneller an mir vorbeiziehen, nicht weil sie auch einen Kraftschub abbekommen haben, sondern weil ich mal wieder langsamer geworden bin.
Bei den nächsten Schritten über die Donau laufe ich an der Brückenbalustrade entlang auf dem Gehsteig. Das ist wie eine Flucht meines Unterbewusstseins, wie wenn ich mich differenzieren wollte von all den anderen, die mich gerade überholen, ein Rettungsseil - oder doch schon das Akzeptieren meines kommenden Versagens? Der Anblick des Flusses, des ungebrochen laufenden Stromes, lässt mich einen schwächlichen Hilfeschrei ausrufen, ein Rückruf meines Vertrauens an die Natur – wie kann ich denn so einfach aufgeben?
Doch es ist verständlich. All das Training hätte sicherlich ausgereicht, meine Beine laufen auch noch immer leicht, noch immer fühlt sich jeder Schritt sanft wie auf einer bemoosten Rasenfläche an, obwohl es doch nur harter Teer ist. Aber mein Körper kann nicht mehr schneller. Kein Seitenstechen, keine nadelartigen Stiche in den Beinen, nicht einmal die Sprunggelenke rebellieren, nur die Energie fehlt mir, eine alles umfassende Körperkraft, die mir eine ausgeglichene Ruhe schenkt und mich locker laufen lässt.
Natürlich hätte ich konsequenter sein müssen. Mit der Vorgabe, mich auszuruhen von dem harten Training habe ich die letzten drei Tage nahezu nur vor dem Computer verbracht, bis in die Nacht hinein. Das bedeutete also auf Freitag nur sechs Stunden, auf Samstag ebenso und selbst gestern Nacht gestattete mir Leo, bei dem ich doch extra übernachtete, um näher an Ulm zu sein, durch einen Anflug von purem Egoismus – neben mir einen Film schauend – nur wenig Schlaf. Schlafen ist allgemein die wichtigste Grundstütze meiner Kräfte.
Kurz nach Kilometer fünf schnappe ich mir dann das kleine Becherchen Lebenselixier, das Wasser, das nur Tröpfchenweise seinen Weg in meinen Mund findet – der Rest wird aufgrund der Bewegung über mein T-Shirt gespült. Schade ist ja eigentlich, dass die ganzen Becher dann massenweise auf dem Boden landen.
Der kurze Weg durch Pfuhl und die vielen dort klatschenden und anfeuernden Leute geben wieder einen kurzen Kraftschub und das Bild von Son-Goku mit seiner Genkidama geht mir durch den Kopf. Menschen, und alle lebendigen Dinge um mich herum, die mir Kraft spenden, das wäre jetzt gut. Warum bin ich nur nicht fähig so etwas zu tun?
Beim Verlassen des Dorfes verlassen mich auch allgemein die Kräfte und ich sehe mich gezwungen nur noch zu gehen. Das Lied „Legenden“ von Sportfreunde Stiller rufe ich aus meiner Erinnerung hervor, auch wenn ich mir das als letzte Kraftreserve aufsparen wollte, und ich schaffe es weiter zu laufen. Schon sehr oft hatte ich es mit diesen wunderschönen Worten geschafft, mich nochmals aufzupumpen. Doch dieses Mal versagt selbst dieser Trick seinen Dienst, denn nach den ersten vier Versen vergesse ich auf einmal, oder eher gesagt: ich bin zu schwach, um es in meinem Kopf vor mich hin zu singen.
So gönne ich mir also eine kurze Laufpause, und muss mit anschauen, wie meine neuerliche Fixperson, ein schwarzhaariger Läufer mit dem türkisblauen offiziellen Shirt, der nach jedem Schritt seine Füße überaus stark nach innen zieht, sich noch weiter von mir entfernt. Ich frage mich, wie er mit diesem Laufstil überhaupt so schnell ist.
Ich gönne meinem Körper nicht einmal ´ne halbe Minute Verschnaufpause und renne sofort wieder weiter.
Einige Anzeige-Radfahrer mit den Aufschriften „1. Frau“, „2. Frau“, sind schon längst an mir vorbei, als endlich der Abzweig TSV Pfuhl kommt.
Immer wieder bilde ich mir ein bei den Zuschauern bekannte Personen zu sehen, und schäme mich fast, bei meinem Versagen.
Zwei neue Fluchtpersonen habe ich ab da an vor mir: ein Schwarzer, der so weit hinten offensichtlich der einzige ist, mit einem roten Shirt auf dem ein weißes Zeichen ist, das mich komischerweise an Tokio Hotel erinnert, und ein Durchtrainierter, mit weißen langärmligen Shirt und einer Schildkappe, der so einen ruhigen Laufstil hat, dass man es gar nicht ahnen würde, das es etwa dreizehn Stundenkilometer sind. Beim Letzteren spüre ich irgendwie, dass ich mich länger an ihn dranhängen werde können.
Langsam erreiche ich trotz meiner Schwäche dennoch Neu-Ulm, man läuft auf einer sehr breiten Straße, auf der man sich stellenweise völlig verloren fühlt, auch wenn man weiß, dass sich vor und hinter einem zig Läufer befinden.
Ich ziehe an den nächsten Versorgungspunkten vorbei und erreiche endlich die kleine Steigung östlich vom Neu-Ulmer Bahnhof, auf der einem schon die vordersten Läufer entgegenkommen.
Jede Band, jedes Wort und jedes Klatschen oder Schreien gibt mir Kraft. Zwar nur ein wenig, aber es reicht, um an dem ruhigen Läufer dranzubleiben. Immer wieder starte ich sogar kühne Beschleunigungsversuche, die sich gleich wieder als Wahnwitz herausstellen. Ich kann es zwar langsam akzeptieren, aber mich damit abfinden und zuschauen, wie ich selbst ein Versagen toleriere, kann ich nicht.
Die Brücke über die Straße zum ehemaligen Landesgartenschaugelände folgt, und bei dieser Steigung hinauf gebe ich noch einmal, bei jedem Schritte leidend, Gas. Oben auf dem schmalen Brückengang scheint mein Kraftschub schon zu enden, doch ich höre von weitem, wie eine am Streckenrand spielende Band gerade „Wir ham noch lange nicht genug“ von den Onkels singt und laufe in dem Tempo weiter. Kurz singe ich den Refrain sogar vor mich hin, und viele Konkurrenten tun es mir gleich. Einer von ihnen, der seinen Kopf kahl geschoren und ein Muscle-Shirt trägt, dreht sch zu mir um, schaut auf meine Startnummer und meint: „Du läufst ja nur den halben – ich hab’ noch ne deutlich längere Strecke vor mir.“
Mit diesen Worten lässt er mich fast stehen und zieht vorbei. Dennoch kann er mir den kalten Schauer, der mir kribbelnd auf dem Rücken entlang läuft, nicht nehmen.
Kilometer fünfzehn, das heißt noch siebenhundertdreiundsiebzig Komma sieben fünf Meter bis ich drei Viertel der Strecke absolviert habe. Jaja, das Rechnen funktioniert noch ohne Probleme, wie immer. Da hilft keine Überanstrengung, den blöden Kopf bekomme ich nicht aus.
Kurz danach zeigt mir eine am Hausrand angebracht Uhr mein Todesurteil: 10:09 Uhr, und ich brauche noch fünf Kilometer. „Verarsch mich bitte nicht“, sage ich vor mich hin. Ich habe versagt. Selbst wenn ich die letzten Kilometer noch in zwanzig Minuten laufe, bin ich trotzdem nur knapp bei eine Stunde und dreißig Minuten.
Verdammt. Mit der Kraft der Verzweiflung raffe ich mich aber noch einmal auf. Kurz nach dem Petrusplatz sehe ich meine Eltern am Rand stehen, die mir zuschreien „du schaffst das schon“. Ich nehme das aber nur noch beiläufig wahr, und tappe schwächlich weiter.
Beim Achtzehner-Schild geb’ ich noch mal richtig Gas, sage ich mir.
Aber selbst als dieses kommt, ist mein kurzes Schneller werden auch nicht mal mehr einem Hilfeschrei gleichzusetzen, nur noch das Zucken eines angeschossenen Wildfangs, das beim Anblick des Jägers auf den Gnadenstoß wartet.
Dem mit dem ruhigen Laufstil bin ich aber selbst bis hierhin noch gefolgt. Auch ein neuer hat sich dazu gesellt, der, wie ich aus einem Gespräch erfuhr, nur siebzehn Jahre alt ist. Da setzt mein Stolz- und Ehrgefühl ein – ich werde mich nicht von einem Jüngeren schlagen lassen.
Wir überholen uns immer wieder gegenseitig, und kurz vor dem Abzweig Halbmarathon hab’ ich Angst dass die beiden, denen ich folge vielleicht doch den ganzen laufen.
Doch dem ist nicht so, und ich kann entkräftet aber mit Hoffnung auf meinen Narrenstolz im Fischerviertel meinen letzten Kilometer antreten. Noch einmal treff’ ich auf den Martin, der sich anscheinend ein Herz genommen hat, um noch einmal aufzutauchen. Ich sehe es ihm an, dass er mir meine Schwäche ansieht. Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen und rufe mit einem kurzen Tiergebrüll noch einmal die Kräfte der Natur hervor. Am Fischauge vorbei, die Brücke am wilden Mann und dann an der Blau entlang. Ich kann noch, ich werde noch nicht aufgeben. Denn gerade sehe ich noch, wie meine zwei mir gesetzten Kontrahenten etwa 50 Meter vor mir um die nächste Ecke biegen. Unter der Brücke seh’ ich noch einmal meine Mutter.
Nun, ich weiß eigentlich gar nicht, wofür man so etwas macht. Wenn mich jemand fragen würde, würde ich nach einiger Überlegung sagen: „Das Leben ist viel zu einfach in der westlichen Welt. Man lebt tagtäglich vor sich hin und jammert über die kleinsten Übel. Da man wirklich alles im Überfluss besitzt, ist man völlig verwöhnt. Der Körper und die gesamten Gefühle stumpfen ab und man wird faul. Für viele mag das tägliche umherrennen und sich klammern ans Leben dennoch eine große Bedeutung haben, für mich aber nicht. Diese scheinbar endlosen Wege, auf denen ich wandere, sind ein Versuch mir Bedeutung zu schenken.“
Es sind noch dreihundert Meter. Und in solchen Sekunden erinnert man sich gerne an Helden aus manchen Geschichten. Tylor Durden, der sich, um den Nullpunkt zu erreichen, mit einer starken Säure die Haut auf der Hand selbst verbrennt. Monkey D. Ruffy, der alles dafür tut, um seiner kranken Navigatorin das Leben zu retten, und nicht davor zurückschreckt mit eingefrorenen Fingern die senkrechte Wand über ihm weiter hochzuklettern. Nicht einmal, als er mit blutenden Fingern wieder einige Meter hinabrutscht gibt er auf.
Irgendsoetwas geht einem auf den letzten Metern sicherlich durch den Kopf. Ich bin jedenfalls auf meine Kontrahenten fixiert und beschleunige langsam. Tausende Leute stehen bereits hier, in der Nähe von dem Spielplatz an der Blau, und kreischen und jubeln irgendjemandem zu. Sie schenken mir zwar Kraft, doch ich konzentriere mich weiter auf Schritte meiner Beine. An der einen Ecke überhole ich den ruhig-Laufenden. An der Ecke beim Hugendubel beschleunige zum letzten Antritt – der Siebzehn-Jährige befindet sich noch kurz vor mir. Fünfzehn Stundenkilometer, er ist neben mir. Ich strauchle kurz und werde wieder langsamer.
Irgendwo findet sich allerdings noch ein Stückchen Wille, und dieser führt mich schnellstens zu der Kraft, die mich noch einmal antreten lässt. Dort ist der Münsterplatz, doch wo ist das Ziel? Ich gehe über zu meinem letzten Sprint, der nicht allzuüberragend scheint, denn bei der letzten Kurve taucht plötzlich ein Mann mit Kind auf und bremst mich – und der Siebzehn-Jährige sprintet mit einer plötzlich gewaltigen Geschwindigkeit an mir vorbei. Ich schaue auf die Zeit: 1:35:40 und weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. Genau das gleiche, wie letztes Jahr. Nein, wenigstens noch schneller, sag ich mir und umlaufe den Mann… und komme dennoch mit der gleichen Zeit ins Ziel…
Durch den Zielbogen trippel ich, und muss über den Siebzehnjährigen springen, der einen Meter hinter der Ziellinie auf dem Boden liegt – genau so etwas wollte ich vollbringen – und bin ebenso am Ende meiner Kräfte. Mit Tunnelblick nehme ich den Jungen mit der Medaille wahr, stecke meinen Kopf schwankend hindurch. Doch kurz darauf folgt das nächste Hindernis: zwei Bierbänke voll mit Medaillen, und ich schwanke direkt darauf zu. Lass dich fallen, du kannst nicht mehr. Scheint mir mein Körper zu befehlen, doch ich drücke mich vom Tischchen ab und schwanke entgegen aller Mechanismen weiter.


Ich habe Angst vor dem Tod, doch wenn ich sterbe, dann freue ich mich darauf

LYON13 - 33
Profi (offline)

Dabei seit 12.2005
852 Beiträge

Geschrieben am: 22.09.2009 um 06:05 Uhr

Bin noch nicht ganz fertig.. baer schonmal vorneweg würde ich dir raten immer mal leerzeilen einzufügen, da das dass lesen erleichtern würde =)

ändert extra für dönerman seine fusszeile :/

schwerkraft
Profi (offline)

Dabei seit 03.2007
523 Beiträge
Geschrieben am: 22.09.2009 um 12:41 Uhr

Ich bin stolz auf dich. In jeder Hinsicht. In der Hinsicht, dass du sowas geschrieben hast und in der Hinsicht, dass du das geschafft hast.
Und es war kein Versagen. Das weisst du.

http://schwerschwerelos.deviantart.com/

-Ricola1969-
Fortgeschrittener (offline)

Dabei seit 09.2009
68 Beiträge

Geschrieben am: 28.09.2009 um 13:47 Uhr

Ich sehe kein Versagen
Versagen ist:
Wenn man trainiert ...
und wegen Zweifel, man könnte es vielleicht in der sich selbst vorgegebener Zeit nicht schaffen, erst gar nicht an so einem Lauf teil nimmt.

Hut ab ! ! !
Dabei sein ist alles.
mit lieben Grüßen Ricola.
Ich habe deinen, in Gedanken noch einmal gelaufenen Lauf,
gerne mit viel Aufmerksamkeit gelesen.
Ri.

"Wer glaubt, ist guter Hoffnung, wer gutgläubig ist, fällt auf die Nase."

I3I_4CKNINJ4 - 35
Experte (offline)

Dabei seit 06.2005
1618 Beiträge

Geschrieben am: 28.09.2009 um 20:33 Uhr
Zuletzt editiert am: 28.09.2009 um 20:43 Uhr

"Lass uns Grashüpfer fangen gehn. Das wäre mal ein Ausdruck für dich und deine anfängliche Überheblichkeit", höre ich es in Gedanken sagen, als mein Bewusstsein wieder wahrnehmungsfähig wird. Körperzustands-Check ergibt als erstes Schmerzen, nicht allzu stark.
Beim Aufstehen fällt mir das unablässige Tropfen auf, wie aus einem roten großen Farbtopf, tropft jede Sekunden ein- bis zweimal etwas auf meine Kleidung. Mein Versuch das hübsche blaue, neue Shirt vom Sonntag zu retten misslingt - es landen noch weitere Blutspuren auf dem Hemd.
Ich versuche die Orientierung wieder zu gewinnen, und stelle fest, dass mein Fahrrad etwas neben dem Weg sich in den Mulch gegraben hat.
Das Blut tropft weiter, während ich einen älteren Herren von genau der Brücke herunterfahren sehe, von der ich auch gerade waghalsig in die Haarnadelkurve gerollt bin.
Natürlich will er helfen, doch ich verlange nur ein Taschentuch, denn eigentlich habe ich ja schon noch vor, bis zur Kletterhalle zu fahren und noch ein paar Routen zu steigen.
Als meine Hände dann aber anfangen zu schmerzen, und auch die Wunde am Kinn langsam ihren Tribut zollt, nimmt der alte Mann mir zum Glück die Entscheidung ab und meint: "Am besten fahren wir damit in die Donauklinik. Die sollte sich das zumindest anschauen."
Ich sammle mit meiner Zunge ein paar abgebrochene Stücke innerhalb meines Mundes auf und bleibe zischend an meinem Backenzahn hängen. Wir? Ich werde schon noch fähig sein, mich um mich selbst zu kümmern, wehren sich die letzten Fäden meines Stolzes.
Harald, der ältere Herr jedenfalls, lässt sich kaum davon abhalten, mich bis zur Klinik zu begleiten.
Spätestens dabei fällt mir zum Glück auf, dass ich nicht mehr ganz bei Verstande bin, und nur der Schock mich überhaupt auf den Beinen hält.
So rollen wir von der Fahrradbrücke in der nähe vom Allgäuer Ring bis zur Donauklinik und immer wieder halte ich mir derweil das Taschentuch ans Kinn, welches mittlerweile neben meinem T-Shirt und der kurzen Hose auch schon rötlich wirkt.
Am Tresen wirkt das als erstes pflichtmäßige Verlangen der zehn Euro gar nicht mal so paradox, denn ein blutverschmierter junger Mann, der bei jedem Schritt beinahe den Boden noch versehentlich schmückt, sollte ja schon dafür sorgen, dass das sonst so steril gehaltene Häuslein weiterhin auch sauber bleibt.
Dann folgt warten, Betäubung, Nähen oder ähnliches, jedenfalls stelle ich nur fest, wie mir wegen der mangelnden Nahrungs- und Flüssigkeitsaufnahme der Körper versagt zu gehorchen.
Röntgen im Stehen, Röntgen auf der Nase liegend und den Kopf dabei ja nach unten drücken. Klar mache ich dabei die Augen zu, liebe Fotografin, ich mags eben nicht, wenn ich weiß, dass bei jedem Blitz mein Hypothalamus und auch die sonst so verkannte Schilddrüse in Einzelteile zerschossen wird.
Und Nein, mir ist ganz und gar nicht schlecht, ich bin ja nur auf den Kopf gefallen, aber meine krankhafte Selbstbeherrschung verlangt es von mir, nicht zu jammern. Wie wäre das denn, Schmerzen zuzugeben, in einem Krankenhaus?

Ich habe das verdient, ich weiß. Gestern war das einfach zu lang, fünfzehn Stunden mit nur einer davon als Pause zu arbeiten, meinem Vater zuliebe. Dann abends mehrere Stunden Schreiben und feststellen, dass man am nächsten morgen früh zu einer indirekten Abschiedsparty aufbrechen muss.
Ohne richtig etwas zu essen, und dabei warst du im letzten Jahr doch ziemlich konsequent mit deiner Ernährung, wo ist das denn jetzt hin?
Den Fleischverherrlichern beim Essen zuschauen, draußen am See, nach einer kleinen Hetzfahrt mit dem Rad. Manchmal, ja, vielleicht in diesen Momenten, versuche ich mich an den Geschmack zu erinnern, um abschätzen zu können, ob ich das nach so langer Abstinenz überhaupt vertragen würde.
Der kalte See und etwas Volleyball spielen sollte einem Ausdauerextremsporlter normalerweise auch nicht so sehr an den Kräften zehren.
Spätestens dann aber in Ulm, beim Donaumauer hoch- und runterklettern, habe ich mir diesen Unfall verdient. Überheblich von Furchtlosigkeit und Überzeugung die fragenden Passanten vollquasseln - natürlich zieht Angst die Möglichkeit eines Unfalles proportional zum Maß des Fürchtens an, aber, dass ich ohne Zweifel an den Wänden hänge war doch nur eine Maske, um nicht zu sagen: glatte Lüge.

Naja, von der Mauer gefallen, bin ich zwar immer noch nicht, aber schwer-unfallfrei kann ich mich nach fast zehntausend Kilometern auf dem Rad nun nicht mehr rühmen. Witzig eigentlich, da habe ich mehrere Tausend Kilometer innerhalb weniger Tage beim umrunden der Ostsee von den Pedalen gerissen, und habe allerhöchstens beobachtet, wie es meinen Reisepartner über einen Porschekühler gelegt hat, und da passiert mir so etwas, bei einer kleinen Tour, nur des reinen Transportes wegen, nicht weit von zu Hause. Mein Schutzengel ist schon ein Fanatiker, oder Egoist, wenn man die ganzen unbekannten Helden betrachtet.

Jetzt habe ich eben einen Zahn weniger, das ist auch nicht allzuschlimm. Und mit einer dicken Narbe sieht man einfach besser aus. Nicht solche, die man aus einem Anflug von purem Selbsthass sich zuzufügen versucht, sondern eher welche, die man aus Erkenntnis oder eher naiven Gutgläubigkeit verpasst bekommt.


Ich habe Angst vor dem Tod, doch wenn ich sterbe, dann freue ich mich darauf

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