|
Community
Szene & News
Locations
Impressum
|
Forum / Poesie und Lyrik
Amateure der Straße/ Oettingen

I3I_4CKNINJ4 - 35
Experte
(offline)
Dabei seit 06.2005
1618
Beiträge
|
|
Geschrieben am: 14.09.2009 um 00:39 Uhr
|
|
Vorbereitungsfahrt #1, längerer Abschnitt, 132km
Sechs Stunden für die Hinfahrt haben wir gebraucht, das kann doch nicht sein. Mein Hirn rechnet noch mal durch und schätzt, doch für gewöhnlich müsste es stimmen: fünfzehn Uhr dreißig.
Ich rolle die ersten Kilometer von der Hälfte wieder zurück und versuche den Zustand meines Körpers zu analysieren. Die Sonne steht schon langsam flacher, und auch der Wind, den ich in den letzten Minuten als Gegenwind empfunden habe, hat sich nicht zum Rückenwind verwandelt. Mein Bauch zeigt mir schon anfängliche Begrüßungen eines Jammerns. Das wird wohl am Eis liegen, denke ich mir, obwohl die Schlemmerei schon über eine Stunde hinter uns liegt. Und überhaupt, wie kommen die zwei Kletten denn auf die Idee sowas als Nahrung auf einer solchen Tour zu bezeichnen. Nein, ich darf nicht nun auch noch sie beschimpfen.
Wieder einmal wundere ich mich, als ich sie mir erst etwa zehn Minuten, nachdem ich umgedreht habe, entgegenkommen sehe.
"Das würde bedeuten, dass..", ich schaue nach links auf die Schilder - es zeigt die Entfernung nach Oettingen - 3 Kilometer - "ich sie auf einer Strecke von zehn Kilometern mehr als fünf davon abgehängt habe."
Jetzt bloss nicht verurteilen, die beiden.
Direkt hinter einer Bahnüberquerung treffe ich auf die beiden, mit ihren Rädern.
"Also, Jungs, ich muss jetzt echt losdüsen, ich habe noch etwa drei Stunden", sage ich ihnen und trete gleich darauf in die Pedale. Jo, einer von den beiden, bestätigt mir noch: "Jap, bis halb sieben stimmt das ungefähr. Das schaffst du schon noch!"
Gut, dann darf ich mir eben keine Schwäche erlauben. Achtzehn Uhr dreiunddreißig ist die Zeit, an dem der Zug ankommt. Ich habe gesagt, dass ich sie abholen werde, also werde ich da sein.
Es sind ja auch nur sechsundsechzig Kilometer - ein Schnitt von zweiundzwanzig Km/h wird schon drin sein, auch wenn ich die gleiche Strecke bereits in den Beinen habe. Auch nicht unerheblich sollten die paar Steigungen der schwäbischen Ostalb sein.
Bis Nördlingen zurück ist es jedenfalls absolut plan, und der Wind hat sich mittlerweile auch gelegt.
Nach ein paar Minuten erreiche ich Löpsingen, das Dorf, in dem wir uns auf der Hinfahrt so verfranst hatten. Okay, dann werde ich eben den gleichen Weg wie vorhin nehmen, auch wenn mich der Schotter etwas bremsen wird.
So fahre ich an der kleinen Dorfkirche vorbei, über die Brücke und rechts ran, auf dem engen Weg entlang, der kleine Hügel, und dann die Schotterpiste. Soll ich hochschalten? Den fünfzehnten Gang benutze ich für gewöhnlich nur für flache Teerstrecken. Ach komm schon, sei kein Schwächling, sage ich mir, und brettere die letzten Kilometer zur Einfahrt von Nördlingen. An dem Aldi vorbei - und mein Atem beschleunigt sich schon wieder rapide, als ich versuche der grünen Welle zu folgen, und bloss keine Sekunde zu verlieren.
Ich habe zwar nur drei Stunden, aber ich muss mir dennoch nach etwa der Hälfte eine Pause gönnen und die Müsliriegel verdrücken. Vierhundert Kalorien werden hoffentlich dann für den Rest reichen.
Bei der Streckenauswahl, oder -befolgung schleicht sich wieder ein kleiner Zweifel ein: das ist der falsche Weg. Du hättest früher abbiegen müssen.
Zum Glück lasse ich mich diesmal nicht so leicht beirren und befinde mich sogleich auf der richtigen Straße Richtung Ederheim. Ich erinnere mich dabei auch an den sieben-prozentigen Hügel, den wir so locker flockig hinabgeglitten sind, auf der Hinfahrt. Kann man den nicht umfahren? Eine gute Idee, doch kurz darauf sehe ich eine kürzere, aber noch steilere Wand vor mir, als ich erwartet hätte.
Runterschalten, sage ich mir. Kleiner Gang, aber hoeh Frequenz. Dennoch fangen langsam kleine Nadeln in den Oberschenkeln an zu stechen.
Doch der knappe Kilometer bringt mich noch nicht so schnell vom Sattel. Oben heißt's dann: weiterrollen, ich will ja ohne Laktat dort wieder unten landen. Doch kurz nach Anhausen, nach der kurzen Abfahrt geht es wieder hoch, dieses Mal etwas mehr als ein Kilometer.
Wie an jeder guten Steigung wird jede Pedalumdrehung zur Freude eines Masochisten, eines Sportlers und für jeden kleinen Kämpfer. Aufgeben ist noch nicht drin, und weiter heißt das Ziel: Schneller. So schnell, wie es auch nur möglich ist.
Unter der tropfenden Haut meines Gesichtes fängt ein Maschinchen an zu rattern: jede Pedalumdrehung bringt mir etwa einen halben Meter. Es sind noch etwa fünf Pinguine bis es flacher wird. Also noch fünfhundert Umdrehungen.
Langsam werden sie weniger, doch ich beobachte, immer wütender auf meine eigene Schwäche, wie auch ich immer langsamer werde.
Nachdem ich dann das dritte Mal aus dem Sattel ging, habe ich diese Hürde erreicht.
Ein kurzes Flachstück zum wieder einrollen, und dann geht es wunderschön hinab, mit einer kühlen Abendbrise, die man sich ersehnt hat, nach dem Hitzespiel bei der Kletterei.
Christgarten heißt das nächste Dorf im Tal, und das Schattenspiel im flauen, zwiespältigen Tageslicht am Weiher, an der Hauptstraße, kurz vor dem Aufstieg Richtung Aufhausen, gefällt mir so, dass ich die Pause schon frühzeitig einlege. Kurz vor fünf, und zen Minuten gönn' ich mir, um die letzten vier Riegel zu verzehren, und die gequälten Beine zu entspannen.
Schon halb verblödet belächle ich die vorbeifahren Autos, fast unbarmherzig glotzen die dazu gehörigen Fahrer den im Gras liegenden jungen Mann mit braunen Strumpfhosen, mich, den Weltenerkunder. Zum Glück funktionieren meine Gedanken nicht mehr ganz, denke ich mir, sonst hätte ich meinen Narrenstolz schon längst verurteilt.
Und auf gehts, bevor die Äuglein zufallen. Auf den Sattel, in die Schlaufen, und wie immer begleitet mich das Ächzen des viel gefahrenen Mountainbikes, und das sonderbar ungemütliche Gefühl beim wieder Anziehen des Rucksacks, der bisweilen deutlich mehr als die Titelierung mit dem Wörtchen "feucht" verdient hat.
Nach einer, ja bei diesem flachen, langen Anstieg wirklich kurzen Weile hat sich die Temperatur des durchgeschwitzten Hemdes gleich dem des Rucksacks angeglichen.
Schade eigentlich, dass sich die Wahrnehmung beim Fahrrad fahren größtenteils auf die Fahrbahn reduziert, sonst könnte ich von der wundervollen herbstlich wirkenden, aber in Wahrheit frühlingshaften Umgebung mehr erzählen, gar beschreiben.
Aufhausen liegt auch gleich nach dem kleinen Hügel hinter mir, dann Eglingen und das Waldstück mit Erinnerungen führt mich bis nach Trugenhofen. Schon einmal bin ich mit Freunden hier gewesen. Doch dieses Mal ist die wahrhaftig atemraubende knapp fünfzehn Prozent Schottersteige zum Glück nur eine Abfahrt.
Kurz nach Trugenhofen gibt es wieder einen kleinen Hügel, und ich stelle fest, wie ich mich diese eigentlichen billig-Steigen doch so langsam in die Knie zwingen.
Ballmertshofen heißt dann das nächste Dorf und damit bin ich wieder im heimigen Landkreis Heidenheim.
Burghagel, Bachhagel und dann kurz nach Sachsenhausen bluten meine Beine, ja sie schreien, bei dem Tempo, dass ich leider erst zum ersten Mal in diesem Jahr aus ihnen versuche, rauszusaugen. Jeder kleine Hügel, jeder noch so kleine Anstieg fühlt sich zehn Mal schwerer an, als ich ihn bei der Hinfahrt noch empfunden habe.
Wieviel Uhr ist es? Das ist zu knapp. Doch Nein, ich weiß, ich bin in der Zeit. Vier Kilometer vor Brenz bin ich sicher: das war der letzte Hügel. Und die Beine kreischen, platzen, ich sag: treten! und vom Grunde dieser Erde hol' ich gröhlend einen Schrei hervor, mit nur einem Ziel vor Augen:
"Kämpf!", brüllt die Pazifistenseele, nur laut und bei weitem nicht so schallend. Ich wundere mich schon selbst bei der Länge meiner Atemweite, der Schrei zieht sich fast bis zu 'ner Minute.
Wie ein Retter oder Himmelsherr komm' ich mir dann fast schon vor, obwohl ich doch nur meine lang ersehnte Schwester vom Bahnhof abholen soll.
Die Kirchturmuhr zeigt mir die banale Fehlerleistung: noch 8 Minuten, für meinen jetzigen Zustand bei weitem nicht mehr möglich, die letzten 5 Kilometer bis ins Heimatdorf zu fahren. Ist doch nichts dabei ein paar Minuten zu spät zu kommen, sagt der Zweifler in mir. Die kräftigen Pranken eines Tigers jedoch winken nur ab: "Hast du dir etwa gerade die Seele aus dem Leib geschrien, nur um jetzt wieder schlapp zu machen?"
Also trete ich. Ich trete und halte die Kreisbewegung bei. Mit bahnbrechender Geschwindigkeit rollt die Kiste, und ich quetsche nochmal alles aus der Möhre, auf der Strecke, die ich schon so oft abgelaufen und -gefahren bin. Und immer wieder bilde ich mir ein, den Zug schon an mir vorbeifahren zu sehen. Das Zeichen, das ich versagt hätte.
Doch ich schaffe es. Ich überquere die Bahngleise, bevor überhaupt das Warngeräusch ertönt. Die letzte Gerade gilt mir dann fast als Triumphzug bis zum Bahnsteig.
Der Wind fährt mir durch die festgeklebten Haare, der Blick auf die Bahnhofsuhr zeigt mir "18:32 Uhr" und mit einem strahlenden Lächeln schaue ich dem langsam einrollenden Zug entgegen.
Ich habe es geschafft. Und sie? Ja, meine Schwester steigt nicht aus.
Ich habe Angst vor dem Tod, doch wenn ich sterbe, dann freue ich mich darauf
|
|
Aguirre - 34
Fortgeschrittener
(offline)
Dabei seit 01.2009
44
Beiträge
|
|
Geschrieben am: 14.09.2009 um 07:12 Uhr
|
|
Die Welt der Zahlen, verpackt und aufgelöst in einer schönen Geschichte. Ich finde das interessant, man bemerkt doch dass die Zahlen ihren Zweck erfüllen und Dinge greifbar und plastisch erscheinen lassen. Erinnert ein bisschen an Friedrich Dürrenmatt
|
|
go-fight-win - 36
Halbprofi
(offline)
Dabei seit 02.2008
140
Beiträge
|
|
Geschrieben am: 14.09.2009 um 09:53 Uhr
|
|
Langwierig und nicht sehr stimmig. Gefällt mir ehrlich gesagt nicht.
|
|
I3I_4CKNINJ4 - 35
Experte
(offline)
Dabei seit 06.2005
1618
Beiträge
|
|
Geschrieben am: 14.09.2009 um 14:38 Uhr
|
|
Das Leben schreibt die schönsten Geschichten, heißt es doch, nicht wahr?
Witzig zu lesen, dass es nicht stimmig sein soll. Meinst du den Stil oder den Ablauf und Handlungsfolge?
Abends im Bett sind mir noch ein paar Sachen eingefallen, die möglicherweise fehlen oder unklar sein könnten. Aber ich lasse es dabei.
Und von dir, Hoelderlin, kreise ich das Lob in mein Herz und sage Dankesehr.
Das mit den Zahlen ist mir gar nicht so aufgefallen, es war beim Schreiben eher notwendig, um die Dinge zu erklären. Jetzt fällt mir aber auf, dass es nicht unbedingt nötig gewesen wäre. Doch meine Erinnerung ist nur anhand von Zahlen genau, ansonsten wäre es ein schwammiges Etwas.
Ich habe Angst vor dem Tod, doch wenn ich sterbe, dann freue ich mich darauf
|
|
Morrigane
Profi
(offline)
Dabei seit 07.2006
955
Beiträge
|
|
Geschrieben am: 14.09.2009 um 22:02 Uhr
|
|
Extrem gut geschildert. Ich liebe diese Art von Alltagspoesie und du hast den Bogen raus, wenn es darum geht so etwas realistisch zu schildern. Ich vermute, du warst in einer ähnlichen Situation? Ansonsten Hut ab vor deinem Einfühlungsvermögen.
Lecker Senf für alle!
|
|
I3I_4CKNINJ4 - 35
Experte
(offline)
Dabei seit 06.2005
1618
Beiträge
|
|
Geschrieben am: 15.09.2009 um 12:04 Uhr
|
|
Den Hut kannst du dir wieder aufsetzen. Die Situation war nicht nur ähnlich, sondern exakt die gleiche ;)
Das soll der erste Eintrag in einem Buch für Reiseberichte sein. Schade eigentlich, dass ich den Stil nicht fortlaufend umsetzen kann; denn er wird sich sicher beim weiter schreiben wieder ändern.
Das Manuskript ist bisher noch sehr fragmentarisch. Fünfzehn Seiten auf dem PC, dreißig Seiten im Tagebuch... Ich sollte mal konsequent sein und es fertig schreiben.
Ich habe Angst vor dem Tod, doch wenn ich sterbe, dann freue ich mich darauf
|
|
Forum / Poesie und Lyrik
|