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Forum / Poesie und Lyrik

Gläserne Worte

--Elaine- - 31
Fortgeschrittener (offline)

Dabei seit 07.2009
52 Beiträge

Geschrieben am: 26.08.2009 um 14:22 Uhr

Gläserne Worte

Die Luft riecht nach Sommer, warm und weich, der Duft tausender Blüten, so süß, so mild. Die Sonne steht schon tief im Westen, sinkt tiefer und tiefer, auf das Meer zu, dass so unendlich weit entfernt ist. Sie färbt den Himmel, tiefgolden.
Ich steige den kleinen Hügel hinauf, das Gras unter meinen Füßen ist dunkelgrün und kitzelt an meinen nackten Zehen. Es fühlt sich gut an, die Erde noch einmal zu spüren, noch einmal den Geruch des Lebens einzuatmen. Ich hebe das Gesicht zur Sonne, wärme mich an ihren Strahlen. Die Wärme durchflutet mich, ein Gefühl, beinahe als wäre ich glücklich.
Doch nein. Es ist mehr eine Art Illusion.
Schwarze Locken fallen mir ins Gesicht. Der Unterschied zu meiner blassen Haut muss grotesk sein. Auf meinen Wangen glitzern frische Tränenspuren. Ein warmer Windstoß fährt mir ins Gesicht, ganz sanft, beinahe zärtlich.
So wie du es warst.
So wie du mich immer angesehen hast, mich berührt hast. So zart, als wäre ich ganz zerbrechlich. In deinen Armen habe ich mich immer so schön gefühlt.
Warum hast du mir das angetan? Warum?
Ich liebte dich so sehr.
Deine Haare, deine Augen, die Art, wie du gelacht hast, alles an dir. Einfach dich.
Warum bist du gegangen?
Der Schmerz zerreißt mich beinahe, mein Herz ist kaputt gegangen, zerbrochen in tausend Scherben.
Ich kann nicht aufhören, dich zu lieben. Es kümmert mich nicht, was du mir getan hast.
„Ich liebe dich“, hast du geflüstert, „für immer.“
Worte, so schön wie Schmetterlinge, wie Blumen. So zart. Und so zerbrechlich.
Wie aus Glas.
Als ich dich zum ersten Mal sah, damals, auf der Party, bei Nina, hab ich mich sofort in dich verliebt. Es war so dumm von mir. Wärst du nur bei Nina geblieben! Nie hättest du mir so wehtun können, mich so verletzen können.
Zwei Wochen später haben wir uns wieder gesehen. Du hast mich eingeladen.
Wie hätte ich deinem Lächeln, deinen Augen widerstehen können?
Ich bin mitgekommen, natürlich. Ich war so überrascht.
Du hast gesagt, das mit Nina wäre vorbei. Du hast mich die ganze Zeit angesehen . . .
Ich dich auch. Du warst so schön.
Du hattest deine Jacke in meinem Auto vergessen. Ich hab sie dir vorbeigebracht. Und bin geblieben.
Bei dir, ich wollte immer nur bei dir sein. Mit dir glücklich werden, für immer.
Ich glaubte, es wäre bei dir genauso. Ich war mir so sicher, dass du mich liebst!
„Ich finde immer einen Weg zu dir zurück“, hast du mir geschworen. „Uns kann nichts trennen.“
Wie leicht dir die Lüge über die Lippen gekommen ist! So mühelos. Ich habe sie geglaubt, habe all deinen schönen Lügen geglaubt. Dir vertraut.
„Selbst der Tod kann sich nicht zwischen uns drängen“, das hast du geglaubt. Diese Worte aus Glas.
Oder hast du mich nur einmal mehr belogen? Hast du gewusst, dass du mich verlassen würdest und mir deshalb so zerbrechliche Worte ins Ohr geflüstert, ins Herz?
Ein halbes Jahr später bist du gegangen. Für immer, unerreichbar für mich.
Dein Wagen ist von diesem Hügel gestürzt, die Schlucht hinunter. Zwischen den Bäumen hat man dich gefunden, dich und Nina. Zerschmetterte Knochen, tot.
Hast du noch an mich gedacht, als du den Abhang runtergestürzt bist? Oder nur an Nina?
Ist dir überhaupt noch bewusst geworden, was du mir angetan hast?
Du hast die gläsernen Worte zerbrochen, in tausend Scherben. Mir ihnen ist mein Herz zerbrochen.
War es Zufall, dass Nina bei dir im wagen saß? Hast du sie unterwegs getroffen, hat sie dich gebeten, sie mitzunehmen? Oder wolltest du sie sehen, sie treffen?
Hast du sie geliebt? Wieder? Oder immer noch?
Damit hast du mich zerstört. Du bist gestorben, als du mit meiner besten Freundin im Auto gesessen bist, von der du wusstest, dass sie dich einmal geliebt hat und dich vielleicht immer noch liebt.
Vielleicht war es ihre Absicht gewesen. Die Ewigkeit mit dir …
Du hättest mich nicht mehr verletzen können. In mir ist etwas kaputt gegangen, du hast eine klaffende Wunde zurückgelassen, die sofort anfängt zu bluten, wenn ich an dich gedacht habe, mich an deine gläsernen Worte erinnert habe. Da, wo früher einmal mein Herz gewesen ist, wo du gewesen bist, da ist nun nicht mehr.
Alles hat mich an dich erinnert.
Deine Lieblingssongs im Radio, deine Fernsehsendungen. Selbst deine Kleidergröße in der Wäscheabteilung …
Das hat mich innerlich zerrissen, mir unendlich wehgetan.
Immer wieder hast du gesagt, du lässt nicht zu, dass mir etwas so wehtut, aber auch diese Worte sind zerbrochen, mit dir sind auch deine Versprechen gestorben. Mit deinem Tod haben die –schmerzen erst angefangen.
Kannst du dir vorstellen, wie es mir ging, in den Monaten nach deinem Tod?
Du bist gegangen, hast mich verlassen, meine Welt war in Scherben. Sie ist in Scherben.
Und trotz allem, was du mir angetan hast, kann ich nicht aufhören, dich zu lieben, nie. Du warst mein Prinz, mein Traum, nur für mich, und wirst es immer bleiben. Wenn das Leben einem einen Traum beschert, der alle Erwartungen so weit übersteigt, dann ist es sinnlos, ihm nachzutrauern, wenn er vorbei ist. Man muss ihm hinterher und ihn sich wiederholen, dann gehört er einem für immer.
Für immer.

Und jetzt stehe ich hier, an dem Abgrund, an dem du vor genau einem Jahr in den Tod gestürzt bist, an dem Ort, an dem du alle deine Versprechen gebrochen hast, an dem alles zerbrochen ist.

Von der Sonne ist nichts mehr zu sehen, nur noch ein glutroter Streif am Horizont. Weiches Nachtblau senkt sich über mich herab. Der Mond leuchtet hell, doch Sterne sind nicht zu sehen.
Die Tränen auf meinem Gesicht sind getrocknet.
Warum weinen?
Gleich werde ich die Sterne endlich wieder sehen können. Weißt du, dass ich jetzt hier bin?
Kannst du mich sehen?
Unter mir liegt die Schlucht. Felsig und steinig, es erinnert nichts mehr an deinen Unfall.
Ob es wehtun wird?
Jetzt sehe ich dein Gesicht, so schön wie es immer war. Ich strecke die Hand nach dir aus, will dich berühren, doch ich bekomme dich nicht zu fassen.
„Hab keine Angst“, flüsterst du mir zu.
Ich muss lächeln, etwas, was ich schon so lange nicht mehr getan habe, dass mein Mund mir nicht gehorcht. Ich gehe noch einen Schritt auf den Abgrund zu, dein Gesicht verschwindet, ein anderes Gesicht taucht auf. Es ist meine Mutter.
„Nicht“, haucht sie, nur für mich, für mich in meinem Kopf.
,Ich muss’, denke ich, ,ich liebe dich. Es tut mir leid.’
Der glutrote Streif am Horizont ist verschwunden, es ist nicht schwarz, es ist nachtblau, wie der Ozean. Tief und unergründlich.
Wie du.
Deine Augen . . .
Jetzt sehe ich niemanden und nichts mehr. Ich stehe ganz allein auf einem Hügel, unter mir eine Schlucht, in der meine einzige Liebe ihr Leben verlor.
Mein Gott, was tue ich hier?
Es ist zu spät. Ich habe mich bereits entscheiden.
Für dich.
Ich liebe dich.
Noch einmal atme ich die süße Nachtluft ein, die friedliche Stille umgibt mich, hüllt mich ein.
Ganz plötzlich geben meine Beine nach, sie sind zu schwach geworden.
Kopfüber stürze ich hinunter, Steine schürfen mich auf.
Ich falle, falle.
Fliege
Zu dir.
Ich spüre in meinem Herz, etwas hat sich verändert. All die Scherben in mir haben sich wieder zusammengesetzte, deine Worte sind nicht länger zerbrochen.
Noch immer aus Glas, doch nicht mehr so zerbrechlich.
Standhafter, fester.

Ich durchbreche das Geäst der Bäume. Stürze zu Boden, zerknittert, zerbrochen.
Ich fühle nichts, keine Schmerzen.
Ich liege auf dem Rücken, ich kann nicht mehr atmen.
Noch ein paar Sekunden.
Zwischen den Blättern, ich kann die Sterne wieder sehen, bin endlich nicht mehr blind.
Und plötzlich bist du da.
Nimmst meine Hand, befreist mich. Endlich.
Ich bin frei.
Ich bin bei dir.
Für die Ewigkeit.




... Pain is temporary, pride is forever ..

ihah - 36
Anfänger (offline)

Dabei seit 07.2006
17 Beiträge
Geschrieben am: 26.08.2009 um 14:38 Uhr

unglaublich...
hab gänsehaut...
JACKY1992 - 33
Anfänger (offline)

Dabei seit 04.2009
8 Beiträge
Geschrieben am: 26.08.2009 um 14:39 Uhr

Zitat von ihah:

unglaublich...
hab gänsehaut...


ich auch!!!wirklich schön!!
Nxmo - 33
Halbprofi (offline)

Dabei seit 08.2009
352 Beiträge
Geschrieben am: 26.08.2009 um 14:42 Uhr

Hm, wenn man von einer paar Formulierungen absieht.
Manchmal finde ich es zu detailliert, gegensätzlich und bizarr.
--Elaine- - 31
Fortgeschrittener (offline)

Dabei seit 07.2009
52 Beiträge

Geschrieben am: 26.08.2009 um 14:45 Uhr

Zitat von Nxmo:

Hm, wenn man von einer paar Formulierungen absieht.
Manchmal finde ich es zu detailliert, gegensätzlich und bizarr.


Okay, was genau meinst du?
So kann ich ja nichts verbessern

... Pain is temporary, pride is forever ..

Nxmo - 33
Halbprofi (offline)

Dabei seit 08.2009
352 Beiträge
Geschrieben am: 26.08.2009 um 14:56 Uhr
Zuletzt editiert am: 26.08.2009 um 15:08 Uhr

Zitat von --Elaine-:

Zitat von Nxmo:

Hm, wenn man von einer paar Formulierungen absieht.
Manchmal finde ich es zu detailliert, gegensätzlich und bizarr.


Okay, was genau meinst du?
So kann ich ja nichts verbessern


Zitat von --Elaine-:

[...]und kitzelt an meinen nackten Zehen.[...]

Für mich zu genau.


Zitat von --Elaine-:

[...]Ich hebe das Gesicht zur Sonne, wärme mich an ihren Strahlen.[...]

Wenn die Sonne für mich sehr tief steht, gibt es für auch keine Wärme mehr.

Zitat von --Elaine-:

[...]Gleich werde ich die Sterne endlich wieder sehen können.[...]

Für mich gibt es, wenn die Sonne noch ein glutroter Streifen ist, keine Sterne am Himmel zu sehen.


...
Kaddi94 - 31
Halbprofi (offline)

Dabei seit 10.2007
114 Beiträge

Geschrieben am: 26.08.2009 um 15:00 Uhr

ich finds ziemlich traurig, aber echt schön

@Nxmo: ich versteh nicht ganz, was du mit den Zitaten meinst? Was ist daran zu genau?

... ♥

Nxmo - 33
Halbprofi (offline)

Dabei seit 08.2009
352 Beiträge
Geschrieben am: 26.08.2009 um 15:09 Uhr
Zuletzt editiert am: 26.08.2009 um 15:09 Uhr

Zitat von Kaddi94:

ich finds ziemlich traurig, aber echt schön

@Nxmo: ich versteh nicht ganz, was du mit den Zitaten meinst? Was ist daran zu genau?


Niemand hat behauptet, dass jedes Zitat zu detailliert ist, das war auf das erste bezogen.

--Elaine- - 31
Fortgeschrittener (offline)

Dabei seit 07.2009
52 Beiträge

Geschrieben am: 26.08.2009 um 17:02 Uhr

Zitat:

Der glutrote Streif am Horizont ist verschwunden, es ist nicht schwarz, es ist nachtblau, wie der Ozean. Tief und unergründlich.


die Sonne ist schon weg, als können doch auch Sterne da sein?


... Pain is temporary, pride is forever ..

Nxmo - 33
Halbprofi (offline)

Dabei seit 08.2009
352 Beiträge
Geschrieben am: 26.08.2009 um 17:06 Uhr

Zitat von --Elaine-:

Zitat:

Der glutrote Streif am Horizont ist verschwunden, es ist nicht schwarz, es ist nachtblau, wie der Ozean. Tief und unergründlich.


die Sonne ist schon weg, als können doch auch Sterne da sein?


Meine Stelle war ein paar Zeilen über deiner. ^^
--Elaine- - 31
Fortgeschrittener (offline)

Dabei seit 07.2009
52 Beiträge

Geschrieben am: 26.08.2009 um 17:10 Uhr

Zitat von Nxmo:

Zitat von --Elaine-:

Zitat:

Der glutrote Streif am Horizont ist verschwunden, es ist nicht schwarz, es ist nachtblau, wie der Ozean. Tief und unergründlich.


die Sonne ist schon weg, als können doch auch Sterne da sein?


Meine Stelle war ein paar Zeilen über deiner. ^^


okay, stimmt. Sorry

... Pain is temporary, pride is forever ..

LL1963 - 67
Experte (offline)

Dabei seit 10.2008
1111 Beiträge
Geschrieben am: 26.08.2009 um 23:57 Uhr

Das Beste seit langem ! Gefällt mir unheimlich gut !
Sh00t3rb0y - 30
Halbprofi (offline)

Dabei seit 03.2009
111 Beiträge

Geschrieben am: 28.08.2009 um 20:57 Uhr

echt gut

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