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Forum / Poesie und Lyrik
Monolog in den Zweigen.

Morrigane
Profi
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Dabei seit 07.2006
955
Beiträge
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Geschrieben am: 06.07.2009 um 10:53 Uhr
Zuletzt editiert am: 06.07.2009 um 10:54 Uhr
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Ein Außenstehender:
Wir verließen die Allgemeinplätze und rannten in den Wald
um die Massen zu sein, die sich endlich dazu zu bekennen,
der Zerstörung mündig zu sein, sie fortzusetzen, zu perfektionieren.
Wir werden gemeinsam untergehen und auf dem letzten Balken unseres Schiffes jubelnd und tanzend springen, bis uns schmeichelnde Wellen die schwere Kleidung von den Leiber reißen.
Wir werden lachend an den Ästen sägen, auf denen wir sitzen.
Und Brücken und Leitern daraus schnitzen.
Eine Trigaméspielerin:
Ich kann nicht mehr schlafen, seit wir uns trafen
von Ehrgeiz beschämt und von Reue geschunden
Wir lagen so brach, wir brachen so gierig
und fraßen sie willig in uns hinein.
Der Idealist:
Du liebst mich nur darum,
weil ich das bin, was du nicht bist.
Ich bin das, was du wärst, wenn du nicht wärst, was du wärst, sondern wärst, was du sein wollen würdest, wenn du nicht wärst, was du sein musst, weil du nicht weißt, wer du sein könntest.
Du liebst...
Der gehemmte Exhibitionist:
Versteckte nicht auch ich Osama bin Laden, Beate Uhse und Marquis de Sade unter Kissen? Oder Schnuller und Gummibärchen in meinen Schränken?
Du bargst sie bei dir an deiner Seite, ließt sie dort ruhen, dort leben und einander ausschreien, sich miteinander in letzten orgasmischen Zuckungen winden und bersten. Ein Widerling mit Sinn für Ästhetik. Ein Künstler der der Scham verlustig wurde.
Aber ich – ich verschloss mein Bett beschämt der Öffentlichkeit. Wer bin ich, dass ich es wage, die Schönheit dieses Ekels zu verbergen? Verlogen und misstrauisch auf dem Haufen alter Kleider zu sitzen, unter dem sich klebrige Pornohefte mit alten Kondomen mischten? Tücher ihre jungfräuliche Wiedergeburt feierten? Wir fraßen sie gierig, unsere Dichter. Wir fraßen sie gierig und ließen sie anstatt unserer süchtig sein.
Makel, der Schriftsteller:
Ich will den Berg erneut mit dir besteigen, selbst wenn mir der Fels unter den Händen davon rollt, will auf dem Gipfel stehen, schwindelnd in Wolken eingehüllt, stürzen und weich landen, fliegen und groß werden, groß, wachsend, euren Himmel umspannen, eure Erde umhüllen.
Und wieder werde ich meine Seele verkaufen, einmal, zweimal, dreimal. Immer. Meine Seele auf euren Silbertabletten servieren. Es gibt keinen Ruf, für den es sich zu leben lohnt. Ich sah sie alle bersten.
Ich will dich mit meiner Seele füttern bis du groß und stark genug bist, alleine zu sein. Ja, alleine zu sein und reif zu sterben, wenn es sein muss. Was gibt es Schöneres? Zu sterben und verspeist zu werden von der gierigen Nachwelt.
Ich will... alles sein.
Ich will... alles fühlen.
Ich will... alles leiden.
Juli 2009
Lecker Senf für alle!
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ParraPinto - 33
Profi
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Dabei seit 01.2006
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Geschrieben am: 07.07.2009 um 13:38 Uhr
Zuletzt editiert am: 07.07.2009 um 13:40 Uhr
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Ich vermag es noch nicht alles beschreiben zu können, was mir dieser Text zu denken gibt. Aber er kommt mir fließend und durchdacht vor. Außerdem fällt mir diese Grundspannung auf, die sich mit den ersten Worten aufbaut und erst mit den letzten Worten nachgibt.
Freiheit
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I3I_4CKNINJ4 - 35
Experte
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Dabei seit 06.2005
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Geschrieben am: 08.07.2009 um 13:30 Uhr
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Darf ichs nun verfälschen, darf ichs beschreiben? Dieses göttergleiche Bild auseinandernehmen und zerfetzen?
Ja, es tut mir Leid, wenn ich das jetzt mache, aber, im Versuche dies zu verstehen muss ich erstmal selbig Worte loswerden:
Zwei Dinge geben Hinweis darauf, dass diese Personen ein und dieselbe sind. Einmal das Wörtchen "Monolog" (und nicht Monologe) im Titel, und die letzten drei Zeilen machen es unverkennbar deutlich.
Ich halte es fast sogar für einen etwas ausgereifteren Tagebucheintrag von dir selbst.
Nach dieser Interpretation ist es also nur ein Ausspruch deines Wunsches alles sein und alles empfinden zu wollen.
Das zweite Thema, was in jeder Person aufgegriffen wird ist die Liebe zu einem anderen Menschen, und der gleichzeitige Vergleich mit ihr. Dabei wird diese Beziehung eben aus diesen verschiedenen Blickwinkeln dargestellt und nur einzelne Aspekte, die der jeweilige Teil der einen Person speziell wahrnimmt.
Als drittes hat noch jede Person ihre eigene Geschichte zu erzählen, die für mich während des Lesens eher ohne Relevanz erschien. Interessant ist dabei jedenfalls der philosophische Aspekt, den du dem Schriftsteller zuweist. Er will nicht Worte schreiben, um in Ruhmeshallen zu landen...
Naja, jetzt habe ich mich wohl eher selbst verwirrt, beim lösen dieses Knotens an Wortgespinsten...
Ich habe Angst vor dem Tod, doch wenn ich sterbe, dann freue ich mich darauf
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v2k - 34
Champion
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Dabei seit 11.2008
2901
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Geschrieben am: 08.07.2009 um 15:01 Uhr
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Sisyphos pur. Wobei der erste Protagonist, dieser Außenstehende, so distanziert er sein und so wenig er dadurch mit der Sache an sich zu tun haben mag, respektive eben darum, durch seine Distanz diesem zu entgehen sucht und in meinen Augen schafft, hypothetisch gehesen zumindest.
Ich würde sagen, das lyrische Ich ist im ersten Abschnitt außer sich.
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Morrigane
Profi
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Dabei seit 07.2006
955
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Geschrieben am: 08.07.2009 um 18:01 Uhr
Zuletzt editiert am: 08.07.2009 um 18:01 Uhr
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Danke zunächst für die Zeit, die ihr euch genommen habt, mich zu verstehen.
Blackninja, in dem Moment, als ich das schrieb, hatte ich meinem Unbewussten sehr viel Freiheit eingeräumt, weswegen mich Teile deiner Interpretation überraschten, aber auf eine Art, die mir quasi die Augen öffnete, um meinen Text noch mehr zu verstehen. Zum Beispiel, dass es sich um eine einzige Person handelt... nun, das war mir während des Schreibens nie so bewusst.
Auch an deiner Vermutung, dass es sich um einen Tagebucheintrag handeln könnte, ist sehr viel Wahres. Die meisten meiner Werke finden sich zunächst dort und werden erst ab einer gewissen Länge so selbstständig, dass sie einen eigenen Raum; sprich eine eigene Textdatei bekommen. Trotzdem haben Gedichte einen anderen Status als Tagebucheinträge, da sie keine Dokumentation, sondern mehr eine Variation sind. Mein Kunstlehrer meinte, dass wirkliche Kunst aus dem Leben des Künstlers wächst. Das ist quasi die Kernaussage seiner Philosophie. Wahrscheinlich ist etwas dran. Und wenn dem so ist, dann ist klar, weswegen der Künstler chiffriert. Er will schließlich nicht ganz nackt vor dem Publikum stehen, oder zumindest nicht vor dem ganzen. Naja, ein gehemmter Exhibitionist eben.
Die Thematik der Liebe hielt ich für eher nebensächlich, wobei das wohl im Auge das Betrachters liegt. Aber der Schriftsteller, den "kenne" ich schon länger. Es ist nicht das erste Mal, dass der Gute sich zu dem Thema äußert.
anntike, "das lyrische ich" ist außer sich trifft es glaube ich ganz gut. Aber ich halte den Außenstehenden überdies für einen ziemlichen Zyniker. Er selbst sitzt ja auch auf dem Ast und trotzdem spottet er darüber.
Lecker Senf für alle!
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v2k - 34
Champion
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Geschrieben am: 08.07.2009 um 19:35 Uhr
Zuletzt editiert am: 08.07.2009 um 19:36 Uhr
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Zitat von Morrigane: Aber ich halte den Außenstehenden überdies für einen ziemlichen Zyniker. Er selbst sitzt ja auch auf dem Ast und trotzdem spottet er darüber.
Außer sich eben ^^ Hmm ... zynisch würd ich da nich so sagen. Ich mein, Zynismus zielt in meinen Augen immer auf ein Gegenüber ab, für mich wär die beschriebene Zeile eher sowas wie Galgenhumor ;) ^^ Das (also, das beschriebene Absägen des Astes, auf dem man sitzt) war übrigens - unter anderem deswegen, weil es noch am Anfang des Textes war, Auslöser einer Befürchtung meinerseits, du würdest, wie ach so viele andre hier in dieses "Abstrakte, irreale" abschweifen.
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Morrigane
Profi
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Dabei seit 07.2006
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Geschrieben am: 08.07.2009 um 19:42 Uhr
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Zitat von v2k: Zitat von Morrigane: Aber ich halte den Außenstehenden überdies für einen ziemlichen Zyniker. Er selbst sitzt ja auch auf dem Ast und trotzdem spottet er darüber.
Außer sich eben ^^ Hmm ... zynisch würd ich da nich so sagen. Ich mein, Zynismus zielt in meinen Augen immer auf ein Gegenüber ab, für mich wär die beschriebene Zeile eher sowas wie Galgenhumor ;) ^^ Das (also, das beschriebene Absägen des Astes, auf dem man sitzt) war übrigens - unter anderem deswegen, weil es noch am Anfang des Textes war, Auslöser einer Befürchtung meinerseits, du würdest, wie ach so viele andre hier in dieses "Abstrakte, irreale" abschweifen.
Okay, Galgenhumor passt wohl besser. 
Ich glaube ich weiß was du meinst.
Könnte es sein, dass das Abstrakte die konsequenteste Fortführung der Chiffrierung ist? Oder ist das Abstrakte ein reines Experiment? Oder ein Verwirrungsmanöver?
Lecker Senf für alle!
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v2k - 34
Champion
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Dabei seit 11.2008
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Geschrieben am: 08.07.2009 um 20:12 Uhr
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Zitat von Morrigane: Okay, Galgenhumor passt wohl besser.
Ich glaube ich weiß was du meinst.
Könnte es sein, dass das Abstrakte die konsequenteste Fortführung der Chiffrierung ist? Oder ist das Abstrakte ein reines Experiment? Oder ein Verwirrungsmanöver?
Mei ... auch nur Haarspalterei.
Abstrakt = konsequente Fortführung einer Chiffre?
Nee, so, wie ich das seh, is das Abstrakte das pure Ausreizen einer Chriffre bis zum Geht-nicht-mehr ... die Klimax, wenn man's vollends übertreiben will, was Hyperbel-mäßiges.
Aber Verwirrungsmanöver trifft's auch.
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