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Forum / Poesie und Lyrik

Mit der Bahn

Aguirre - 34
Fortgeschrittener (offline)

Dabei seit 01.2009
44 Beiträge

Geschrieben am: 30.06.2009 um 13:54 Uhr
Zuletzt editiert am: 05.07.2009 um 20:26 Uhr

Eines sommerlichen Abends, es war soeben Juli geworden, bewog mich ein imposantes Bündel an Gründen, eine Reise mit der Bahn zu unternehmen. Der rot-weiß gestreifte Triebkopf schoss mit so stark überhöhter Geschwindigkeit in den Bahnhof ein, dass die vorbeirauschende Luft mir die Frisur im Wesentlichen unwiderruflich vernichtete. Wie ich in diesem Augenblick zur Kenntnis nahm, schien es sehr heiß zu sein, denn die flimmernde Luft erzeugte ein verschwommenes Farbspektakel aus dem Braun der rostenden Gleise, dem Anstrich des Wagens und dem blauen Kleid der soeben aussteigenden, durchaus als korpulent zu bezeichnenden Dame. Der Geruch von verbranntem Diesel ließ mich das Gesicht zu einer Grimasse verziehen, denn diese olfaktorische Perversion ging mir ganz und gar gegen den Strich und ich konnte es auf den Tod nicht ausstehen, darin gefangen zu sein. Mit einem Schaudern sowie dem Gefühl einer klebstoffgefüllten Lunge zog ich mich am Geländer die Stufen hinauf, deren grüner Farbton aus einer etwa fünfzig Jahre zurückliegenden, besseren Zeit stammen musste. Die Wahl des Platzes gestaltete ich leider sehr gedankenlos, da das Abteil, bis auf wenige schlafende Menschen, komplett leer war. Mein Fehler offenbarte mir sich in einer Grausamkeit, die mich derart würgte, dass ich beinahe ohnmächtig niedergesunken wäre. Ich bemerkte nämlich, dass ein offenbar vergesslicher Zeitgenosse direkt unter meinem Sitz zwei leere Flaschen Bier deponiert hatte, aus deren Öffnungen ein pelziger, grünlich-grauer Schleim hervortrat, welcher langsam, in durch die Schaukelbewegungen des anfahrenden Zuges hervorgerufenen Wellenbewegungen, auf meine sündteuren, neuen und hübschen Schuhe zufloss. Dieses bemerkte ich nun erst, als sich ein kleiner See aus besagter pelziger, nach verwesenden Exkrementen riechender Flüssigkeit um meine Füße herum gebildet hatte. Der Geruch brachte meine Nasenhaare in der Zeitdauer eines Wimpernschlages komplett zum Absterben, und noch heute habe ich mit den Spätfolgen dieses Traumas zu kämpfen. Sofort wechselte ich auf eine der anderen Sitzbänke, jedoch verfolgte mich der Gestank, da an meinen Schuhen haftend, auch dort. Einige atemtechnische Übungen, derer ich mich entsann, halfen mir dabei, mich nicht auf meine Hose zu erbrechen, zumal dies meine Lage nur verschlimmert hätte. Als ich nun atmete, mich auf meinen Mageninhalt und dessen Verbleib in mir konzentrierte und versuchte den allgemeinen Ekel zu verdrängen, krachte mit einem lauten Ruck die Tür des Abteils auf, und ein untersetzter älterer Herr mit einem blauen Anzug mit weißen Nadelstreifen trat herein. Die rote Mütze abnehmend, erkannte ich ihn als den Gott jedes Bahnreisenden, den Schaffner, dessen Omnipräsenz die Fahrgäste geschickt in einer Mischung aus Angstgefühlen und Sicherheitsempfinden belässt, und so jeden Passagier unterschwellig zum Kauf eines Fahrscheines nötigt. Da ich nahe der Tür Platz genommen hatte und noch immer mit einem von dem plötzlichen Öffnen selbiger verursachten, nahenden Herztod kämpfte, trat der Schaffner dick und mit einem monotonen Gesichtsaufdruck auf mich zu. (Ich verwende bewusst das Wort „Aufdruck“, denn ein „Ausdruck“ ließ sich im Gesicht dieser Person zu keiner Zeit erkennen, vielmehr schien es sich um eine aufgedruckte Maske zu handeln, wie man sie von venezianischen Kostümbällen kennt)
Mit einem harschen „Ihren Fahrschein bitte!“ entgegnete er mein wohlwollendes Lächeln, das somit sofort zu einem schmerzhaften Tod verurteilt wurde und während der gesamten Fahrt niemals wieder zum Vorschein trat. Ich begann damit, meinen Fahrschein, den ich wenige Minuten zuvor an einem Automaten erworben hatte, zu suchen, er befand sich wohl in meiner Hosentasche. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass es keinen Fahrschein gab, er war nicht in meiner Hosentasche, ebenso nicht in irgendeiner anderen Tasche oder Falte meiner Kleidung oder meines Körpers. Nach einiger Zeit unterbrach der Schaffner meine Versuche, den Schein, wie von mir in meiner Verzweiflung erhofft, in meiner Achselhöhle zu finden, und goss ein vernichtendes „Sie haben wohl keine Fahrkarte, wie?“ über mich aus, das wie heißes Öl jede Pore meines Körpers verstopfte und meine Haut zu so etwas wie zähem Leder verbrannte. Ich stammelte ein leises „...er muss hier irgendwo sein, ich hatte ihn vorhin noch!“, jedoch vergebens, die Bahn-Gottheit brachte ein seltsam anmutendes, elektronisches Gerät zum Vorschein, und sprach mit dämonisch glänzenden Augen die verfluchten Worte „Name, Vorname, Adresse und Alter?“ wobei sich sein Gesicht rot verfärbte und ich eine Schar gefolterter und blutender Seelen um ihn herum fliegen sah.
Ich teilte ihm selbige mit, und mit einem schwarzen, schwefligen Drei-Tage-Bart entgegnete er: „Ich weise Sie darauf hin, dass der Betrag von vierzig Euro innerhalb einer Woche an die Deutsche Bahn AG zu überweisen ist. Sie haben vierzehn Tage Einspruchsrecht dagegen. Schönen Tag noch.“ Sein Gesicht wurde für mich in diesem Moment von sich selbst verschlungen, und Hörner schienen aus den Resten seines voluminösen Kopfes zu entsteigen.
Der Antichrist höchstselbst hatte mich soeben zu einer Geldstrafe verurteilt.
Omes - 31
Profi (offline)

Dabei seit 02.2009
403 Beiträge
Geschrieben am: 30.06.2009 um 14:10 Uhr

Zitat von Aguirre:

Eines sommerlichen Abends, es war soeben Juli geworden, bewog mich ein imposantes Bündel an Gründen, eine Reise mit der Bahn zu unternehmen. Der rot-weiß gestreifte Triebkopf schoss mit so stark überhöhter Geschwindigkeit in den Bahnhof ein, dass die vorbeirauschende Luft mir die Frisur im Wesentlich unwiderruflich vernichtete. Wie ich in diesem Augenblick zur Kenntnis nahm, schien es sehr heiß zu sein, denn die flimmernde Luft erzeugte ein verschwommenes Farbspektakel aus dem Braun der rostenden Gleise, dem Anstrich des Wagens und dem blauen Kleid der soeben aussteigenden, durchaus als korpulent zu bezeichnenden Dame. Der Geruch von verbranntem Diesel ließ mich das Gesicht zu einer Grimasse verziehen, denn diese olfaktorische Perversion ging mir ganz und gar gegen den Strich und ich konnte es auf den Tod nicht ausstehen, darin gefangen zu sein. Mit einem Schaudern sowie dem Gefühl einer klebstoffgefüllten Lunge zog ich mich am Geländer die Stufen hinauf, deren grüner Farbton aus einer etwa fünfzig Jahre zurückliegenden, besseren Zeit stammen musste. Die Wahl des Platzes gestaltete ich leider sehr gedankenlos, da das Abteil, bis auf wenige schlafende Menschen, komplett leer war. Mein Fehler offenbarte mir sich in einer Grausamkeit, die mich derart würgte, dass ich beinahe ohnmächtig niedergesunken wäre. Ich bemerkte nämlich, dass ein offenbar vergesslicher Zeitgenosse direkt unter meinem Sitz zwei leere Flaschen Bier deponiert hatte, aus deren Öffnungen ein pelziger, grünlich-grauer Schleim hervortrat, welcher langsam, in durch die Schaukelbewegungen des anfahrenden Zuges hervorgerufenen Wellenbewegungen, auf meine sündteuren, neuen und hübschen Schuhe zufloss. Dieses bemerkte ich nun erst, als sich ein kleiner See aus besagter pelziger, nach verwesenden Exkrementen riechender Flüssigkeit um meine Füße herum gebildet hatte. Der Geruch brachte meine Nasenhaare in der Zeitdauer eines Wimpernschlages komplett zum Absterben, und noch heute habe ich mit den Spätfolgen dieses Traumas zu kämpfen. Sofort wechselte ich auf eine der anderen Sitzbänke, jedoch verfolgte mich der Gestank, da an meinen Schuhen haftend, auch dort. Einige atemtechnische Übungen, derer ich mich entsann, halfen mir dabei, mich nicht auf meine Hose zu erbrechen, zumal dies meine Lage nur verschlimmert hätte. Als ich nun atmete, mich auf meinen Mageninhalt und dessen Verbleib in mir konzentrierte und versuchte den allgemeinen Ekel zu verdrängen, krachte mit einem lauten Ruck die Tür des Abteils auf, und ein untersetzter älterer Herr mit einem blauen Anzug mit weißen Nadelstreifen trat herein. Die rote Mütze abnehmend, erkannte ich ihn als den Gott jedes Bahnreisenden, den Schaffner, dessen Omnipräsenz die Fahrgäste geschickt in einer Mischung aus Angstgefühlen und Sicherheitsempfinden belässt, und so jeden Passagier unterschwellig zum Kauf eines Fahrscheines nötigt. Da ich nahe der Tür Platz genommen hatte und noch immer mit einem von dem plötzlichen Öffnen selbiger verursachten, nahenden Herztod kämpfte, trat der Schaffner dick und mit einem monotonen Gesichtsaufdruck auf mich zu. (Ich verwende bewusst das Wort „Aufdruck“, denn ein „Ausdruck“ ließ sich im Gesicht dieser Person zu keiner Zeit erkennen, vielmehr schien es sich um eine aufgedruckte Maske zu handeln, wie man sie von venezianischen Kostümbällen kennt)
Mit einem harschen „Ihren Fahrschein bitte!“ entgegnete er mein wohlwollendes Lächeln, das somit sofort zu einem schmerzhaften Tod verurteilt wurde und während der gesamten Fahrt niemals wieder zum Vorschein trat. Ich begann damit, meinen Fahrschein, den ich wenige Minuten zuvor an einem Automaten erworben hatte, zu suchen, er befand sich wohl in meiner Hosentasche. Zu meinem Entsetzen musste ich feststellen, dass es keinen Fahrschein gab, er war nicht in meiner Hosentasche, ebenso nicht in irgendeiner anderen Tasche oder Falte meiner Kleidung oder meines Körpers. Nach einiger Zeit unterbrach der Schaffner meine Versuche, den Schein, wie von mir in meiner Verzweiflung erhofft, in meiner Achselhöhle zu finden, und goss ein vernichtendes „Sie haben wohl keine Fahrkarte, wie?“ über mich aus, das wie heißes Öl jede Pore meines Körpers verstopfte und meine Haut zu so etwas wie zähem Leder verbrannte. Ich stammelte ein leises „...er muss hier irgendwo sein, ich hatte ihn vorhin noch!“, jedoch vergebens, die Bahn-Gottheit brachte ein seltsam anmutendes, elektronisches Gerät zum Vorschein, und sprach mit dämonisch glänzenden Augen die verfluchten Worte „Name, Vorname, Adresse und Alter?“ wobei sich sein Gesicht rot verfärbte und ich eine Schar gefolterter und blutender Seelen um ihn herum fliegen sah.
Ich teilte ihm selbige mit, und mit einem schwarzen, schwefligen Drei-Tage-Bart entgegnete er: „Ich weise Sie darauf hin, dass der Betrag von vierzig Euro innerhalb einer Woche an die Deutsche Bahn AG zu überweisen ist. Sie haben vierzehn Tage Einspruchsrecht dagegen. Schönen Tag noch.“ Sein Gesicht wurde für mich in diesem Moment von sich selbst verschlungen, und Hörner schienen aus den Resten seines voluminösen Kopfes zu entsteigen.
Der Antichrist höchstselbst hatte mich soeben zu einer Geldstrafe verurteilt.


Klasse :-D
Niriana - 41
Profi (offline)

Dabei seit 10.2005
507 Beiträge

Geschrieben am: 30.06.2009 um 14:28 Uhr

Einfach nur noch klasse. Das spiegelt genau meine Gründe wieder, wieso ich das Bahnfahren so weit es geht vermeide.

Eine einzige Träne kann mehr bitteres Salz enthalten als ein ganzer Ozean

Helligma
Halbprofi (offline)

Dabei seit 08.2007
212 Beiträge

Geschrieben am: 30.06.2009 um 14:41 Uhr

Ganz große klasse. Wirklich super geschrieben! Und das Ganze kommt einem doch sehr bekannt vor ;-)

Denken ist manchmal so als würde man Wissen auskotzen.

gemma-teller
Fortgeschrittener (offline)

Dabei seit 01.2008
82 Beiträge

Geschrieben am: 30.06.2009 um 14:45 Uhr

nich schlecht.
Moeymou - 34
Profi (offline)

Dabei seit 06.2006
440 Beiträge
Geschrieben am: 30.06.2009 um 14:56 Uhr

super geschrieben, leider läuft es wirklich so ab ...
Blackmore - 39
Halbprofi (offline)

Dabei seit 05.2005
393 Beiträge
Geschrieben am: 30.06.2009 um 15:51 Uhr

Zitat von Niriana:

Einfach nur noch klasse. Das spiegelt genau meine Gründe wieder, wieso ich das Bahnfahren so weit es geht vermeide.


Hm eigentlich hat das doch nix mit der Bahn zu tun... Wer keinen Fahrschein hat, muss im Regionalzug halt die 40 Euro zahlen. Im Fernverkehrszug könnte man die Karte nachkaufen, jedoch mit ein paar Euro Bordzuschlag.

Und so schlimm ist Zug fahren bei weitem nicht ;-)
Pippa- - 33
Fortgeschrittener (offline)

Dabei seit 05.2009
65 Beiträge

Geschrieben am: 30.06.2009 um 21:35 Uhr

Siehst du Stefan. Nicht nur ich bin immer wieder von deiner Sprache begeistert. :D
Wir werden zu Geld und Ruhm gelangen! ;)
-BanAnna- - 31
Halbprofi (offline)

Dabei seit 04.2008
240 Beiträge

Geschrieben am: 05.07.2009 um 20:18 Uhr

sehr realistisch :)

-May - 33
Experte (offline)

Dabei seit 05.2009
1130 Beiträge

Geschrieben am: 05.07.2009 um 20:21 Uhr

toll :)

Was sagen Sie als Außenstehender zum Thema Intelligenz? :D

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