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Felix Römer - Ich war einmal ein Kind

B3owu1f - 44
Halbprofi (offline)

Dabei seit 03.2006
274 Beiträge

Geschrieben am: 22.08.2008 um 18:40 Uhr
Zuletzt editiert am: 23.08.2008 um 14:01 Uhr

folgendes Werk von Felix Römer habe ich gefunden:
Link zum Video


Ich war einmal ein Kind

Ich war mal ein Kind,
ein kleiner Junge im Kleid, feierte Kaisers Geburtstag
hob die Fahnen in den Wind und war bereit zu wachsen,
wollte groß werden und stark,
lernte lesen und schreiben und rechnen und schießen
Und dann schickten sie mich in den Krieg
für das Vaterland für den Sieg
und ich feierte Hitlers Geburtstag
schwang den Arm hoch zum Gruß
der Arm war noch stark
und ich war bereit zu kämpfen
Sie schickten mich weit
immer weiter nach Osten
und ich konnte lesen und schreiben
aber kein Russisch
das erleichterte das Töten ein bisschen
aber die Schreie klangen überall gleich
drangen mir ins Mark
und aus den Verletzten floss rotes Blut - aus allen
und die Leichen rochen nach Verwesung - alle
Ich las die Briefe von zu hause
du hast eine Tochter schrieben sie
eine Tochter dachte ich - ein Kind
ich hatte vergessen wie Kinder riechen
roch immer nur Asche und Tod
und ich konnte lesen und schreiben und rechnen und schießen
und jetzt lernte ich schweigen und weinen und leiden
ich feierte keinen Geburtstag mehr
die Zeit war verschwunden die Füße erfroren und wir aßen die Rinde von den Bäumen
als mich der Schuss in die Schulter traf hoffte ich das es endlich vorbei ist
aber es lebte einfach weiter in mir - lebte einfach weiter in mir
Herzschlag Atemzug - Herzschlag Atemzug
die Schwester im Lazarett wischte mir Wochen den Schweiß von der Stirn
gab mir Brot - endlich Brot
kroch in mein Bett und wir wärmten unsere kalten Seelen in der verschwunden Zeit
Nachts träumte ich vom Töten und vom Sterben und von einem kleinen Mädchen
aber in der verschwunden Zeit gab es keine Hoffnung
der Krieg war verloren sie schickten mich mit steifen Arm zurück ins Feld
zum Töten, zum Schweigen, zum Leiden und zum Weinen
der Feind war jetzt nur noch der Hunger
und ich tötete einen Bauern für eine handvoll Kartoffeln
und hielt einer Frau mein Gewehr an den Kopf
für einen Topf und kochte Kartoffeln
und roch zu hause und weinte
und roch und aß
ich war einmal ein Kind
ein kleiner junge im Kleid feierte Kaisers Geburtstag
und hob die Fahne in den Wind war bereit zu wachsen
wollte groß werden und stark und ich roch und aß und weinte
weinte um den kleinen Jungen um den erschossenen Bauern
um die verschwundene Zeit -
um die Schreie, die Leichen, die Arme und Beine und Därme
um die vaterlosen Kinder und die mutterlosen Väter
um die ungelesen Bücher und die ungeschriebenen Briefe
und es lebte weiter in mir - lebte einfach weiter in mir
Herzschlag Atemzug - Herzschlag Atemzug
der Kampf war vorbei - ich blieb einfach sitzen
blieb sitzen und weinte
und sie fanden mich hielten mir ihre Gewehre an den Kopf
und trieben mich vor sich her und
ich konnte lesen und schreiben und rechnen und schießen
und jetzt lernte ich hassen und verachten und
ergeben und vergeben
und dann durfte ich heim
längst heimatlos geworden
zu einer Frau und einem Kind
roch die Frau und roch das Kind
und kochte mir Kartoffeln
der Bruder war gefallen
Mutter und Schwester vergewaltigt
der Vater versunken im Schmerz
der Freund im KZ ermordet
ich kochte mir Kartoffeln und roch an dem Kind
roch an dem Kind so lange bis die Zeit wiederkehrte
und die Seelen meine Träume träumten
der Bruder und der tote Bauer
die Frau mit dem Topf
und der vergaste Freund und
da war ein Kind
ein kleines Mädchen im Kleid
wir feierten ihren Geburtstag und ihr Haar flog im Wind
und sie war bereit zu wachsen
wollte groß werden und stark
und sie lernte lesen und schreiben und rechnen
und es lebte weiter in mir - lebte einfach weiter in mir
Herzschlag Atemzug - Herzschlag Atemzug
die wiedergekehrte Zeit machte sich breit
breitete ihre Decke über die Vergangenheit
brachte Bücher und Briefe und Autos
und Fernsehen und Waschmaschinen
und Instand-Kartoffelbrei
und es lebte weiter in mir immer weiter
Geburtstage zogen vorbei
das Kind wuchs und wurde stark
und meine Augen wurden trüb und die Ohren taub
und was die Zeit verbarg stieg wieder empor
es riecht nach Asche und Tod
das Tor der verschwunden Zeit ist bereit sich zu öffnen
und keine Schwester wärmt mir die Seele
was weiterlebte in mir gibt auf
mein Krieg war nie vorbei
ich lernte lesen und schreiben und rechnen und schießen
und jetzt lerne ich sterben und verzeihen
mir verzeihen
verzeih
ich war mal ein Kind....ein Kind....ein Kind



Ein Gespräch setzt voraus, dass der andere Recht haben könnte!

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