RudiDutschke - 34
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Geschrieben am: 18.03.2008 um 18:54 Uhr
Zuletzt editiert am: 19.03.2008 um 19:34 Uhr
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Man würde nicht denken, dass nützliche Dinge wie Scheren dazu anregen würden, bestimmte Gedankengänge in Worte zu fassen, obschon es meist die einfachen Dinge des Tages sind, die sich der Betrachtungsweise der nadelgestreiften Gesellschaft gänzlich zu entziehen vermögen und relativ kuriose Wege einschlagen müssen, um in das Licht des allgemeinen Interesses gerückt zu werden.
Eine Schere, voll und ganz auf die Bedürfnisse eines jungen Herren zugerichtet, erfüllt ihr Funktion dahingehend, die Nägel der zarten Hände zurechtzurücken für die hübscheste Dame der lauen Nacht; Ihren Hals zärtlich umspielend, die goldene Kette mit großer Sorgfalt um den feingepuderten Nacken einer Grande Dame legend, erscheinen die penibel gepflegten Nägel als ein großer Vorteil des jungen Herren, welcher ihn geschickt einzusetzen vermag. Der Gedanke einer vollendeten Romanze wie dieser, lässt sich zurückführen auf eben jene Schere, die im Moment des ersten gehauchten Kusses im glänzenden Kästchen neben der Garderobe liegt und an Glanz von den goldenen Siegelringen und silbernen Broschen weit in den Schatten gestellt wird, jedoch ohne deren Existenz die ganze Geschichte unsinnig wäre. Das junge Pärchen beginnt nun mit dem Tanz, die Dame im ausschweifenden Abendkleid einer weltgewandten Schönheit, der lockere, schwarze Tanz des Stoffes umschmiegt ihren zarten Körper, und die zugeknöpfte Bluse verleiht ihr Moral und Anstand genug, um nicht durchtrieben oder intrigant zu erscheinen. Im braunen Sakko stellt sich der Herr ihr gegenüber als der eigentümliche Besitzer einer städtischen Prägung seiner Epoche, gebildet und weltmännisch im Auftreten, kleinbürgerlich in Dingen, die seine privaten Angelegenheiten betreffen. So tanzen sie, der Herr führt an, Beethovens Neunte tönt aus dem Grammophon in der Ecke des festlichen, marmorierten Ballsaales,das Pärchen verschmilzt zu den Klängen der Musik, die so warm und kraftvoll die goldenen Leuchter erzittern lässt. Die Schere, die nun schon wieder aus der Betrachtung entschlüpft ist, erduldet stumm die Überlegenheit der anderen, fein gearbeiteten Schmuckstücke, und ist sich gar nicht über ihr Zutun zu dieser sich langsam entspinnenden Liebschaft bewusst, innerhalb derer sie sich in gleichem Maße hervorgetan hat wie goldenes Zierat oder versilberte Liebeserklärungen. Denn hätte der junge Herr mit schmutzigen oder gar zerrupften oder zerkauten Nägeln den lieblichen Hals der Dame berührt um ihr die goldene Kette anzulegen, so hätte sie sich beleidigt entfernt und ihr Gemächer aufgesucht, um ihrer Empörung über diesen Affront adäquaten Nachdruck zu verleihen. Der junge Mann wäre bei einem leichten Mädchen des Hafenviertels gelandet, um ihr volltrunken und liebesdürstend die goldene Kette als Beweis der Zuneigung zu überreichen, in dem Glauben, eine Frau von eben der Klasse und dem Stil seiner Angebeteten zu beschenken. Dieses wertvolle Präsent hätte das Mädchen jede Facon leben lassen, und der junge Herr wäre zufrieden mit ihr in sein Haus zurückgekehrt, wo er am nächsten Morgen beschämt und verarmt erwacht wäre. Es erscheint als Conclusion dieser Betrachtung nun so, dass ein scheinbar alltäglicher Gegenstand wie die Schere von enormer Wichtigkeit für die Geschicke eines Menschen zu sein vermag
Das seltsame Abenteuer, das den Wahrheiten widerfährt
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