Zitat:
Wir verbringen den Großteil unserer Zeit damit, den Tod zu leugnen und nicht an ihn zu denken. Wenn wir aber an ihn denken lässt uns das frösteln. Wir fühlen uns leicht überrascht oder aus dem Gleichgewicht geworfen. Einerseits fürchten wir uns vor dem Tod, weil wir nicht wissen, was geschehen wird, und andererseits, weil wir den möglichen Schmerz beim Sterben fürchten. Wenn wir den Tod kontemplieren und dabei einen Blick durch seine Tür erhaschen, wird uns sein Sinn langsam aufgehen. Den Tod zu kontemplieren gibt uns Kraft, weil es unsere Angst befreit. Daher kontemplieren wir den Sinn dieser Worte: " Der Tod ist mein Freund, mein treuester Freund, weil er immer auf mich wartet."
Leben und Tod vollführen um uns herum einen Tanz, der unsere Existenz strukturiert. Der Tod ist unser Freund, weil er uns Leben schenkt. Der Tod definiert unser Leben. Gäbe es keinen Tod, würden wir das Leben vielleicht gar nicht zu schätzen wissen. In jedem Augenblick unseres Lebens wartet der Tod auf uns. Wir werden sterben. Wir wissen nicht, wann wir sterben werden; wir wissen nicht, wie wir sterben werden. Alle, die wir kennen, werden sterben: unsere Eltern, unsere Freunde, unsere Kinder, unsere Haustiere, sympathische Menschen, unsympathische Menschen, Könige und Königinnen, Staatsoberhäupter, Filmstars, Rockstars, reiche Menschen, arme Menschen. Alle haben das gleiche Schicksal. Dieser Körper wird zum einem Leichnam werden.
Ohne morbide zu sein, können wir den Tod kontemplieren, wann immer er in Erscheinung tritt. Wir können mit unseren Freunden über ihn diskutieren. Wenn wir beinahe von einem Bus überfahren worden wären, wenn wir bei einem Autounfall verletzt wurden oder wenn wir krank werden, dann können wir über die durchlässige Membran zwischen Leben und Tod nachdenken. Wenn ein uns nahe stehender Mensch stirbt dann können wir den Tod näher untersuchen, uns Fragen über ihn stellen und uns von ihm transformieren lassen. "Was ist der Tod? Warum geschieht dies?" Unterschiedliche Traditionen erklären den Tod auf verschiedene Weisen. Aber wenn wir die Wirklichkeit des Todes erfahren, berührt er unser Leben. Er konfrontiert uns mit einem großen Mysterium. Die meiste Zeit mögen wir uns lieber nicht mit ihm beschäftigen. Wenn wir ihm jedoch direkt begegnen, können wir uns ihm öffnen und versuchen, ihn zu begreifen.
Als ich erfuhr, das mein Vater schwer krank sei, wollte ich es einfach nicht wahrhaben, dass er wahrscheinlich sterben würde. Er war ein großer Meditationsmeister und buddhistischer Lehrer. Als die Chinesen in Tibet einfielen, floh er und führte 300 Menschen auf einem Fußmarsch über die Berge nach Indien. Er verbrachte viele Jahre seines Lebens damit, die Blume des Dharma auf den Felsen von Nordamerika zu pflanzen. Er war ein Meisterkrieger. wenn jemand dem Tod entgehen könnte, so dachte ich, dann wohl am ehesten er. Sein Tod würde ein riesiges Loch in mein Leben und das vieler anderer reißen.
Als er schließlich starb, stand ich genau neben ihm. Der Raum wurde sehr kraftvoll und mächtig, beinahe leuchtend. Es tauchten keinerlei Gedanken auf. Tagelang war es so, als hätte sich die Realität verschoben. Ich hatte mein Leben lang vom Tod gehört und hatte Sterbende und Gestorbene gesehen. Doch der Tod meines Vater erschütterte mich auf andere Weise. Seine Sterblichkeit machte mir meine eigene bewusst. Sie rüttelte mich aus meinen falschen Vorstellungen auf. Sie verwandelte meine inner Haltunf von Grund auf. Monatelang dachte ich darüber nach, wie ich den Rest meines Lebens verbringen sollte. Ich erkannte, dass der Tod wirklich ist. Ich durfte keine Zeit verschwenden. Ich widmete mich dem Studium und der Praxis intensiver als zuvor. Diese nahe Erfahrung des Todes half mir, mein Leben wertzuschätzen.
Wir führen unser Leben oft so, als lebten wir ewig. Mit dieser Haltung wollen wir alles haben. Die Tatsache des Todes setzte dem, was wir haben und was wir tun können, Grenzen. Wir brauchen nicht die ganze Zeit an den Tod zu denken, aber über ihn nachzusinnen, ihn zu kontemplieren, schenkt uns eine Perspektive und Inspiration, um unser Leben zu leben. Es lässt uns auch weniger verwöhnt sein. Es lässt uns die Prioritäten in unserem Leben betrachten und bestimmen, was die größte Bedeutung hat. Was ist mir wichtig? Wie soll ich mein Leben nutzen? Wir können uns offener auf Situationen einlassen, wenn wir dem Tod einmal unmittelbar begegnet sind. Es macht unsere Liebe machtvoller.
Die Seele des Samurais spiegelt sich in seinem Schwert wieder.