Theater Ulm: Die Orestie
(Frohike) - „Alles ein wenig anders“, das scheint das Motto von Andreas von Studnitz, seines Zeichens neuer Intendant des Theaters Ulm zu sein. Zuerst wurde aus dem „Ulmer Theater“ das „Theater Ulm“, inklusive einer Frischzellenkur für Logo, Internetauftritt, Plakate und Broschüren. Und nun nimmt er sich der altgriechischen Orestie an, unterlegt mit vielen Querverweisen zum Thema „Rache“ in der heutigen Welt, und umgesetzt mit vielen netten Ideen – von der Verwendung des eigentlich dem Brandschutz dienenden eisernen Vorhangs als Hauptvorhang bis hin zum quasi-Abspann, in dem die als Eumeniden kaum mehr in ihrer ursprünglichen Rolle erkenntlichen Darsteller ihren Rollennamen auf einem Papptäfelchen vor sich her tragen.
Aber erst einmal von Anfang an: Agamemnon, König von Argos kehrt nach dem Fall Trojas in die Heimat zurück. Seine Frau Klytaimnestra, inzwischen die Geliebte von Aigist, begrüßt ihren heimgekehrten Mann – dem sie jedoch nicht verziehen hat, dass er vor zehn Jahren auf dem Weg nach Troja seine Opfer Iphigenie für günstigen Wind geopfert hat. Die aus Troja als Sklavin und Konkubine mitgebrachte Seherin Kassandra, sieht das Unheil voraus: Während Agamemnon ein Bad nimmt, wird er von Klytaimnestra erschlagen.
Elektra opfert am Grab ihres Vaters Agamemnon und betet für die Befreiung von der unrechtmäßigen Herrschafts Klytaimnestras und Aigisths. Ihr Bruder Orest, von der Mutter verbannt und jetzt heimgekehrt, gibt sich ihr zu erkennen. Er tötet seine Mutter Klytaimnestra und Aigisth, um den Vater zu rächen. Von den Rachegeistern seiner Mutter verfolgt, flüchtet er nach Delphi in den Pallas Athene.
Die Eumeniden, Rachegeister für den Muttermord, verfolgen Orest bis zum Tempel der Athene. Athene beruft ein Geschworenengericht aus Bürgern ein, dass über diesen und zukünftig über alle Fälle entscheiden soll. Mit ihrer eigenen Stimme gibt sie den Ausschlag für den Freispruch. Durch dieses Verfahren wird die Blutrache durch staatliches Recht abgelöst, das durch den Schwur der Richter an göttliches Gebot gebunden ist.
Von Studnitz' Bearbeitung des immerhin knapp 2500 Jahre alten Stoffs ist zeitlos angelegt – der Chor der Dorfältesten besteht aus zwei Obdachlosen in Schlafsäcken (brillant: Ulla Willick und Karl Heinz Glaser), die Heimkehrer tragen Kampfanzug und Offiziersuniform, und könnten genausogut aus dem Hindukusch oder dem Irak nach Hause kommen. Das Bühnenbild ist minimal: Eine schräggestellte Bühne mit lediglich einer Wand halblinks, das ist alles, was vonnöten ist. Die kleinen aber feinen Ideen setzen sich über das ganze Stück hin fort: Gekonnter Einsatz von Licht und Videoprojektion, Interaktion mit dem Publikum, minimale aber passende Requisite. Ob es nun nötig war, die Eumeniden als wahlweise sächselnde oder berlinerisch keifende Truppe von zombiehaften Nordic-Walking-Senioren ins Lächerliche zu ziehen, darüber ließe sich streiten; Letztlich gingen leider einige Dialoge in der durch sie und ihre Slapstick-Komik verursachten Heiterkeit im Publikum verloren.
Nichtsdestoweniger, die Kernaussage dieses so alten und heute kaum aufgeführten Stücks ist auch nach über 2000 Jahren noch aktuell, und von Studnitz' Fassung verliert sie trotz der notwendigen Komprimierung des Stoffes nie aus den Augen. Sie zu verstehen bedarf es nicht einmal der kämpferischen Zitate von Toni Blair, Ehud Olmert, George W. Bush und des Hisbollah-Führers Nasrallah im Programmheft: Der Schlüssel zu einem dauerhaften Frieden liegt nicht im Rächen von Unrecht, sondern im Dialog und der Suche nach Gemeinsamkeiten – sonst wird der Atridenfluch die Welt noch auf Jahrzehnte hin heimsuchen.
Auch wenn sich das Publikum beim Schlussapplaus uneins war, ob es nun „Buh“ oder „Bravo“ rufen soll, der Auftakt zum Premierenmarathon dieser Woche versprach viel für die kommende Spielzeit. Mehr Informationen – besonders rund um die interessanten neuen Projekte rund ums Podium – auf dem Internetauftritt des Theaters und selbstverständlich auch hier.
Information und Kartenreservierung:
theater.ulm.de
Bilder: Jochen Klenk
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